Brüssel - Zeitgewinn für das Bankgeheimnis: Eine Annahme des EU-Steuerpakets vor März 2003 schlug am Mittwoch in Brüssel die dänische EU-Ratspräsidentschaft vor. Damit räumte sie indirekt ein, dass eine Einigung zum Informationsaustausch über Zinserträge heuer - also innerhalb des von der EU selbst gesetzten Zeitplans - nicht mehr möglich ist. Der Luxemburger Premier- und Finanzminister Jean-Claude Juncker und sein österreichischer Kollege Karl-Heinz Grasser blieben unnachgiebig.Einem Kompromiss über ein System des automatischen Informationsaustauschs über Zinserträge stand aus Sicht Wiens und Luxemburgs die Haltung der Schweiz entgegen. Bern hatte zwar zuletzt zugestimmt, nicht nur bei Steuerbetrug, sondern auch bei einer Reihe von anderen Steuerdelikten auf Anfrage Informationen an Finanzbehörden in den EU-Staaten weiterzugeben. Doch Grasser betonte, dass dies für ihn nicht als gleichwertige Maßnahme durchginge, die eine Einführung automatischen Informationsaustauschs für Österreich erlauben würde. Juncker hatte schon am Vorabend gesagt, dass er auf der Grundlage des Schweizer Angebots das Luxemburger Bankgeheimnis nicht aufgeben werde. Keine schriftlichen Unterlagen Noch mehr stieß sich Grasser aber daran, dass mit einer Reihe von anderen Drittstaaten keine schriftlichen Unterlagen über Vereinbarungen vorlägen. Er zählte Andorra, Monaco, San Marino und auch die USA auf. Mit Blick auf Vaduz sagte der Minister: "Liechtenstein hat gesagt, dass es nicht einmal der Schweiz folgen wird." Damit wäre klar, "dass alles Kapital nach Liechtenstein geht", wenn sich die EU-Staaten auf die Zinssteuerrichtlinie auf der aktuellen Basis einigten, so Grasser. Zufrieden zeigte sich der Minister nun aber mit den Zusicherungen der "abhängigen Gebiete" Großbritanniens, ab 2004 automatischen Informationsaustausch einzuführen. 35 Prozent Steuer Das Kompromissangebot der dänischen Ratspräsidentschaft, das - entsprechend den Schweizer Vorstellungen - eine Quellensteuer von zunächst 20 Prozent und ab 2007 dann 35 Prozent vorsähe, nannte Grasser "inakzeptabel". Nicht nur Luxemburg, Belgien und Österreich hätten sich gesperrt, auch Schweden, Italien und Spanien haben sich kritisch geäußert. Beratungen auf Jänner vertagt Die EU-Finanzminister haben ihre Beratungen über die Quellensteuer auf 21. Jänner 2003 vertagt. Das teilte der schwedische Finanzminister Bosse Ringholm am späten Mittwoch Abend vor Journalisten mit. Er gehe davon aus, dass im Jänner eine höhere Aussicht auf Einigung bestehe, da es "gewisse Fortschritte" gegeben habe. Heute, Mittwoch, habe es nur sehr wenige gemeinsame Beratungen der 15 Finanzminister in dieser Frage gegeben. Der dänische EU-Vorsitz sei nach langen bilateralen Gesprächen mit verschiedenen Delegationen zu dem Schluss gekommen, dass noch mehr Zeit für eine Einigung nötig sei. (APA/jwo, DER STANDARD, Printausgabe 12.12.2002)