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UEFA-Präsident Lennart Johannson präsentiert die Entscheidung.

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ÖFB-Präsident Friedrich Stickler in Siegespose

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Es ist 14:32. Im Saal Geneva des Hotel Intercont in Genf verstummt jede Schwätzerei. UEFA-Präsident Lennart Johansson ist am Ende seiner Dankesrede an die sieben Bewerberkomitees für die Euro 2008 angekommen, in einem letzten Satz nimmt er noch einmal die Kurve des Dankes an alle, "denn es gibt heute keine Verlierer, es gibt nur Komitees, welche die Euro diesmal nicht bekommen haben". Dann entfaltet er einen Zettel, auf dem in Blockbuchstaben steht: "AUSTRIA & SWITZERLAND".

Größter Tag

Das Grüppchen der Österreicher und Schweizer springt auf, reckt die Fäuste in den Saal, ÖFB-Präsident Friedrich Stickler fällt SFV-Präsidenten Ralph Zloczower um den Hals, ehrenwerte Männer haben Tränen der Rührung in den Augen. "Das ist der größte Tag des österreichischen Fußballs", sagt ÖFB-Generalsekretär Alfred Ludwig.

Unsicherheit

Während rundherum die sechs anderen Komitees ihre Wunden zu lecken beginnen, danken Zloczower ("ich bin tief dankbar, tief bewegt, tief glücklich") und Stickler ("wir haben uns gut vorbereitet, es wird ein unvergessliches europäisches Familienfest werden") der UEFA, dass sie die beste Bewerbung auch mit dem Preis der Veranstaltung belohnt habe. Ein Tag der Unsicherheit ist zu Ende. Die Mitglieder der UEFA-Exekutive und der Nationalteam-Komission wurden am Mittwoch und Donnerstag vor dem Fußballvolk abgeschirmt; als sie im Hauptquartier in Nyon tagten, hatte kein Mensch Zugang, schon gar nicht die Bewerber. Nicht einmal das Prozedere der Entscheidungsfindung schien klar - ob mit Absicht, um politischen Gruppenbildungen keinen Raum zu geben, oder aus Schlamperei und Gewohnheit, wird nie jemand erfahren.

Finale

Nur Gerüchte schafften den Sprung ins Hotel Intercont, wo die sieben Komitees samt ihrem Medienanhang jede Muße hatten, Kaffeesud zu lesen. Gegen Mittag wird eine Shortlist aus Österreich/ Schweiz, Skandinavien, Schottland/Irland und Griechenland/Türkei herumgereicht. Die Griechen und Türken beachtete nie jemand, jeder rechnete mit einem Finale der Schotten und Iren gegen Österreich/Schweiz.

Saalschlacht

Sollten die Skandinavier frühzeitig ausscheiden und mitstimmen, würden Schotten/Iren dank deren Hilfe das Rennen machen, lautete die allgemeine Sprachregelung. Während der zweite Durchgang des Damen-RTL in Val d'Isère beginnt, meldet das Schweizer Fernsehen, um ein Uhr werde die EM vergeben. Knapp vor zwei Uhr scheucht eine aufgeregte Lautsprecherstimme die Anwesenden in den Saal der Verkündung. Die forschen Ordner in den UEFA- Sakkos gewinnen die Saalschlacht gegen die zahlreichen Fotografen.

Ein Zeichen

Ist es Einbildung oder zeugt es von überlegener Information, dass die Hauptkamera auf Stickler/Zloczower eingerichtet wird? Ein Exspielervermittler geht durch den Saal wie ein Geist und murmelt, dass Österreich/Schweiz es geschafft hat. Wild gestikulierende Nachfragen bei Ludwig ergeben: "Weiß selber nichts." Sportministerin Susanne Riess-Passer nimmt vor der ÖFB-Delegation Platz.

Ein Zwinkerer

25 Minuten später marschiert die Riege der älteren Exekutivherren in den Saal. "Einer hat mir zugezwinkert, das hat mir Mut gemacht", wird Ludwig später sagen. Nachher bedankt er sich überschwänglich beim Deutschen Gerhard Mayer-Vorfelder, da scheint eine Achse gehalten zu haben, allerdings lässt Ludwig dazu nichts aus.

Projektleiter Wolfgang Gramann meinte am Vormittag noch, der ÖFB wisse, dass die UEFA-Evaluierung die ÖFB/SFV-Kandidatur als technisch beste ausgewiesen habe. Gramann: "Aber niemand weiß, was das wert ist."

Strategische Niederlage

Das finale Match soll zwischen Österreichs Ex-Partner Ungarn und den Siegern abgelaufen sein. Überraschend schafften es weder die Schotten noch die Skandinavier so weit, ein Indiz dafür, dass die vom schwedischen UEFA-Präsidenten Lennart Johansson repräsentierten Skandinavier und die mit ihnen fußballerisch und kulturell eng verbundenen Schotten und Iren eine strategische Niederlage erlitten. Wollte keiner nachgeben und mussten daher beide scheitern? Wie auch immer, solange die Politik sachgerecht befindet, kann sie ruhig Politik bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 13. Dezember 2002, Johann Skocek)