Ich kann der Entgegnung des ÖVP-Landtagsabgeordneten Neuhuber an Frau Vassilakou und Frau Ringler von den Grünen ("Böser schwarzer Mann antwortet edlen grünen Frauen", STANDARD, 11. 12.) sogar einiges abgewinnen: Tatsächlich neigen engagierte idealistische Personen und Politiker/ innen gelegentlich zur Spaltung in Gut und Böse: ÖVPler sind demnach des kapitalistischen Teufels und sexistische Patriarchen, Grüne und andere Alternative hingegen nur ehrlich und menschenfreundlich bis in die Zehenspitzen. Gäbe man diese Spaltungen auf, wäre eine Zusammenarbeit sicher leichter möglich. Aber ich bin dennoch dafür, dass sich die Grünen diesem Koalitionswerben der ÖVP entschlagen: nicht nur wegen deren Schmutzkübelkampagne im Wahlkampf und auch nicht nur wegen der tatsächlich krassen weltanschaulichen Differenzen, sondern aus einem viel einfacheren Grund: Weil Van der Bellen es so angekündigt hat!Lügenorgie Ohnehin leben wir spätestens seit dem Amtsantritt der schwarz-blauen Regierung in einer politischen "Kultur" des extremen Wortbruchs: So haben wir mit Schüssel einen Wortbruch-Kanzler, der als Zweiter in Opposition gehen wollte und sich dann als Dritter zum Kanzler machen ließ; und dies von einem regelrechten Wortbruch-Weltmeister, der nach achtmaligem Rückzug oder -tritt längst "weg" sein sollte und immer noch "da" ist! Und auch Gusenbauer ringt mit seiner Wahlankündigung, als Zweiter in Opposition zu gehen oder zumindest nicht Vizekanzler werden zu wollen - aus Staatsräson, versteht sich! Schließlich haben wir einen vor Glaubwürdigkeit nur so strotzenden Sozialminister, der bei unter 15 Prozent Wählerstimmen in aller Klarheit die Oppositionsbank besteigen wollte und nun mit zehn Prozent um die Regierungsbeteiligung zu Kreuze kriecht. Gleichzeitig läuft in den Kinos ein Film über Österreichs auflagenstärkste Zeitung, der - ebenfalls "in aller Klarheit" - zeigt, wie sich die politische Elite des Landes bis hinauf zum HBP von einer Zeitung mit Stammtischniveau an der Leine führen lässt, dass man stellenweise glaubt, es handle sich um eine Satire. In den Familien und Schulen aber, die von diesen Regierenden gelenkt und reformiert werden, wollen und sollen wir Kinder und Jugendliche zu aufrechten und ehrlichen Persönlichkeiten erziehen. Mit Verweis auf Vorbilder - versteht sich! Auf welche? Was können Wähler/innen (künftig auch Grüne!?) denn nach dieser Wortbruch-Orgie überhaupt noch glauben? Sind Wahlen künftig nur mehr ein Glücksspiel? In dieser Situation haben die Grünen eine einmalige Chance: zu zeigen, dass es inmitten dieser Lügenkultur, auch noch einen Funken politischer Verlässlichkeit gibt, also wenigstens eine Gruppierung, auf die man sich verlassen kann, die auch nach den Wahlen wirklich tut, was sie vorher angekündigt hat. Dieses Zeichen wäre für die Zukunft der Grünen und der österreichischen Parteienlandschaft generell von höherem politischen Wert als alle möglichen taktischen Winkelzüge einer Koketterie mit der Macht. Der Wortbruch-Macht. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2002)