In "Die zwei Türme" war es sichtlich eine größere Herausforderung, Tolkien treu zu bleiben und dabei Veränderungen vornehmen zu müssen. Im Buch gibt es ja etwa keine Parallelmontage der Episoden rund um die zersprengten Mitglieder der "Fellowship of the Ring". Jackson: Ja, und gleichzeitig musste dieser Teil am meisten für die Trilogie leisten, und das, obwohl für viele Leute ein Jahr her ist, dass sie die Exposition gesehen haben und viele Details vielleicht schon gar nicht mehr gegenwärtig sind. (lacht:) Denen kann ich nur sagen: Kauft das Video. Und kauft vor allem die Extended Version, in der wir wichtige Szenen hinzugefügt haben - etwa eine ausführlichere Version des Abschieds von der Elbenkönigin Galadriel -, für die Howard Shore dann auch noch neue Musik komponiert hat. Das war zwar ursprünglich nicht geplant, aber . . .

Passiert so etwas auch aus einem schlechten Gewissen heraus, dass man selbst bei drei Stunden pro Film oft nur Fragmente der ursprünglichen Handlung wiedergeben kann? Jackson: Wer sich wie wir dem Herrn der Ringe mit Liebe und Respekt nähert, der weiß, dass dieses Buch tatsächlich in keiner Phase vernachlässigbare, kürzbare Szenen aufweist. Wir wissen gleichzeitig aber auch, dass der Film das Buch ohnehin nicht ersetzen, aber vielleicht gute Unterhaltung bieten kann: einerseits für Tolkien-Fans, die manches von dem, was sie bis jetzt erträumt haben, einmal "sehen" wollen, und andererseits für Nichteingeweihte, von denen jetzt viele Lust bekommen, das doch sehr umfängliche Buch zu lesen. Und das tun jetzt, wie ich höre, auch ziemlich viele Kids: kein schlechter Nebeneffekt! Die Limits für das Kino waren uns von vornherein klar: Schon drei Stunden pro Teil sprengen eigentlich das vereinbarte Format. Natürlich wären den Produzenten und Kinobetreibern zweieinhalb Stunden lieber, dann könnte man den Film pro Abend drei- statt zweimal zeigen usw.

Auch innerhalb der drei Stunden kommen Sie aber nicht einmal bis zum ursprünglichen Ende von Tolkiens zweitem Band, der giftigen Riesenspinne Kankra. Jackson: Auf die können Sie sich im nächsten Jahr freuen. Im Kino hätte dieses Ende einfach nicht funktioniert. Wir haben lange daran herumgetüftelt, aber nach der großen Schlacht in Helms Klamm, die in unserer Parallelmontage zwischen den Ringträgern Frodo, Sam und Gollum, den von Orks entführten und dann von Baumhütern ("Ents") behüteten Hobbits Merry und Pippin und den Gefährten Aragorn, Gandalf, Gimli und Legolas die Klimax des Films bildet - nach dieser Wucht hätte Kankra wie ein aufgesetzter zweiter Schluss gewirkt. Ausserdem war für uns irgendwann einmal das Suchen von Frodo und Sam wie ein psychologischer Gegenpol zur Action rund um Aragorn - und das wollten wir zumindest für diesen "zweiten Akt" so stehen lassen.

Und sehen Sie, da funktioniert episches Er-zählen im Kino, auch vor den heutigen Sehgewohnheiten, einfach anders: Tolkien konnte es sich noch leisten, nach dem Ende von Band 1 gut 300 Seiten lang offen zu halten, wie es mit Sam und Frodo weitergeht. Dem Film würde man dieses Schweigen fast übel nehmen. Wir hätten ja sogar den "Fehler" gemacht, Gollum erst nach einer halben Stunde auf den Plan treten zu lassen, aber es hat schon im Schneide-raum nicht funktioniert.

Wie empfinden Sie das eigentlich: Diesen "Dialog" mit dem Publikum? Es ist doch ziemlich einzigartig, dass Millionen von Menschen so kontinuierlich über Jahre hinweg Einblick in die langsame Fertigstellung Ihrer Erzählung haben. Sehen Sie das als Work in Progress? Jackson: Das ist einer der Faktoren, die jetzt durch DVD und die digitalen Möglichkeiten entstanden sind. Es macht einen anfechtbarer und in gewisser Weise souveräner zugleich. Man kann "Mängel" später beheben, mit Er-zählrhythmen über Jahre hinweg flexibler umgehen. Das Endprodukt bleibt definitiv offener. Wenn mich jetzt jemand fragen würde: Was ist jetzt der "fertige" Film? Jeder der in sich abgeschlossenen Teile? Im Kino? Oder auf DVD? Oder ist es die Neunstundenversion, die wir am Ende noch in die Kinos bringen werden? Das ist schwer zu beantworten. Insgesamt reizt mich vor allem dieses prozessuale Weiterschreiten. Und manchmal ist ein "Remix" interessanter als das "Original". Und oft ist er verzichtbar.

Vor dem Hintergrund der wiederholten Diskussionen über Altersbeschränkungen: Ab wie viel Jahren würden sie Kindern den Besuch Ihres Films zumuten? Jackson: Schwer zu sagen. 8? 9? 10 Jahre? Ich setze da auf die Eigeninitiative von Eltern, die ihre Kinder besser kennen als die Kinobetreiber. So manche TV-Serie, die am Nachmittag läuft, ist brutaler als unser Film. (Claus Philipp/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.12.2002)