Blut kommt nicht vor in Dinu Mendreas Fotografien. Es gibt keine Leichen, keine Szenen von jenen Plätzen, an denen die Blutbäder stattgefunden haben. Und dennoch sind die Arbeiten des 31-Jährigen untrennbar mit den Gewaltakten zwischen Israelis und Palästinensern verbunden, welche die Region seit fast eineinhalb Jahren aufzehren.

"Ich war niemals an diesen Orten, weder während eines Anschlags noch unmittelbar danach. Das wäre, als ob man im Narrenhaus nach Wahnsinn suchen würde. Für einen Fotografen ist es zu einfach und für ein menschliches Wesen viel zu viel, so etwas anzuschauen", sagt Mendrea, der 1986, mit seiner Familie aus Rumänien kommend, in Israel einwanderte. "Natürlich beobachte ich, was hier passiert, wie die Menschen hier in ihrem täglichen Leben beeinflusst werden."

"Porträts von noch immer lebenden Opfern"

Resultat ist, was Mendrea als "Porträts von noch immer lebenden Opfern" beschreibt. Weltliche und Gläubige, Juden, Christen und Muslime, Araber und Armenier - ein Querschnitt der israelischen Gesellschaft - wurden seit September 2000, als das Blutvergießen begann, auf rund 200 Filmen verewigt. Es sind Zeugnisse der Gemütslage von 20- bis 30-jährigen Jerusalemer Einwohnern, wie sie mit der Gewalt vor ihren Türen umgehen und gleichzeitig versuchen, den direkten, grausamen Auswirkungen zu entgehen. Die Fotos werden in einem Sammelband unter dem Titel Being 20 in Jerusalem veröffentlicht, dem neuesten in einer Serie von Fotobänden, in denen die Lebenserfahrungen von jungen Leuten in verschiedenen Hauptstädten der Welt festgehalten wurden, unter ihnen Moskau, Teheran, Santiago und Algier.

"In Israel aufzuwachsen bedeutet, dass das Leben immer überschattet ist von dem, was sich dort gerade abspielt", erklärt Mendrea, der beiden Seiten Verständnis entgegenbringt. "Wenn man ein Twenty-something irgendwo anders ist, heißt das aktiv zu sein, sein Leben zu leben, fortzugehen. Hier ist dieses Alter wahrscheinlich das schwierigste. Als Jude, zum Beispiel, wirst du in die Armee eingezogen, als Palästinenser bist du meistens entweder Student, arbeitslos oder ein unqualifizierter Arbeiter. Und beide Situationen tragen genug Potenzial in sich, um die beiden wichtigsten Gesellschaftsgruppen zu polarisieren."

Angelpunkt Angstüberwindung

Sich über die Angst hinwegzusetzen wurde für viele zum Angelpunkt, um in der Stadt geistig zu überleben. Wie sonst könnte man sich die Gäste im Café Cafit im Viertel der "Deutschen Kolonie" erklären, einen Tag nachdem dort ein Kellner einen Anschlag eines palästinensischen Selbstmordattentäters vereitelte, weil er an ihm ein Kabel entdeckte? Oder die Tatsache, dass es noch immer Araber gibt, die durch die Hauptverkehrsstraßen gehen, obwohl sie wissen, dass sie an jeder Ecke von israelischen Soldaten kontrolliert werden können, die nach Verdächtigen Ausschau halten?

Schicksal wurde zu einer der wichtigsten Komponenten des Lebens in Jerusalem. Der Zufall spielt auch eine große Rolle beim Foto eines jungen gläubigen Juden, der im ultraorthodoxen Mea-Shearim-Viertel am Morgen nach dem jüdischen Purim-Feiertag über einen Steinpoller stolpert. Dabei ist es gar nicht nötig, seine Alkoholfahne zu riechen, um zu wissen, dass er die einzige von seiner Religion sanktionierte Gelegenheit im Jahr wahrgenommen hat, um sich heftig zu betrinken. Die Formen des Eskapismus gehören zu Mendreas bevorzugten Themen. Durch die Stimmung auf diesem Foto, das in einem Viertel aufgenommen wurde, in dem sich zwei Tage später ein Selbstmordbomber in die Luft sprengte, wird auf gewisse Art auch die eigene Sterblichkeit vor Augen geführt. (Danielle Haas / Übersetzung: Luzia Schrampf, DER STANDARD, Printausgabe vom 14./15.12.2002)