Bagdad hat nun auch den bisher stärksten Befürworter einer politisch-friedlichen Lösung der Irak-Krise gegen sich aufgebracht. Am Montag schaltete sich die Regierung in Moskau in den Streit um einen Großauftrag zwischen dem größten russischen Erdölkonzern Lukoil und dem Irak ein. Bagdad solle die Kündigung des Vertrags über die Erschließung des Ölfeldes West-Kurna-2 durch Lukoil rückgängig machen, verlangte Außenminister Igor Iwanow nach Angaben russischer Agenturen am Montag am Rande eines Besuches auf den Philippinen. Iwanow hatte bereits zuvor die irakische Regierung schriftlich in scharfer Form aufgefordert, die Entscheidung zu revidieren.

Völlig überraschend hatte das irakische Erdölministerium vergangene Woche den mit Lukoil und weiteren russischen Firmen geschlossenen Kontrakt gekündigt und Russland damit von einem der reichsten Erdölvorkommen im Irak verstoßen. Lukoil will nun ein internationales Gericht anrufen.

Lukoil hatte sich 1997 mit dem Vertrag das Recht erworben, nach Ablauf des UNO-Embargos, das ausländische Investitionen ins irakische Ölgeschäft verbietet, umgehend mit der Ölförderung in der Lagerstätte West-Kurna-2 zu beginnen. Russland, größter Handelspartner des Irak, hoffte, gerade mit der Erschließung des Ölfeldes, dessen Vorräte auf einen Wert von 20 Milliarden Dollar geschätzt werden, seine ohnehin privilegierte Position im Irak zu sichern.

Politisch verraten sieht sich der Irak. Zwar betont man, dass die Vertragsauflösung rein wirtschaftlich motiviert sei. Lukoil sei seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, verlautete unklar aus Bagdad. Aus russischen diplomatischen Quellen und aus der Umgebung von Lukoil sickerte dazu durch, dass der Irak sich für Lukoils Weigerung gerächt habe, auch gegen die UNO-Sanktionen mit der Ölförderung zu beginnen.

Beobachter sehen aber die Vertragskündigung dadurch veranlasst, dass Vertreter von Lukoil sich erst jüngst mit US-Offiziellen über die Sicherung ihrer Verträge nach einem Sturz Saddam Husseins unterhielten. Zudem verblüffe der zeitliche Zusammenfall mit den Aussagen des Lukoil-Chefs Nikolaj Tokarew, dass einige russische Ölfirmen den US-Vorschlag aufgegriffen hätten, die irakische Exilopposition mitzufinanzieren. Deren Vertreter dementierten die Aussagen gegenüber der Moscowtimes. Auch die russischen Medien sahen die Entscheidung Bagdads einhellig darin motiviert, einen Angriff auf das Land abzuwenden: Die Rede ist von "Saddams letztem krampfhaften Versuch", Russlands Widerstand gegen Amerikas Kriegspläne zu erzwingen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2002)