Wien - In einem Interview für die am Donnerstag erscheinende Ausgabe der Info-Illustrierten "News" bilanziert die scheidende Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer das "annus horribilis" der FPÖ. Riess-Passer: "Auslöser (der Krise) war Haiders nicht abgesprochene Reise nach Bagdad und die folgenden Auseinandersetzungen. Es war ein ungeheurer Vertrauensbruch." Haider hätte die FPÖ von einer "bedeutungslosen Kleinpartei zu einer respektablen Mittelpartei - und retour" gemacht.

Die aktuelle Situation der Partei - wie die offensichtlichen FPÖ-Zugeständnisse an die ÖVP, um wieder in die Regierung zu kommen - kommentiert Riess-Passer nicht ohne Sarkasmus: "Ich stelle nur verwundert fest, dass alle Grundsätze, die in Knittelfeld noch unverrückbar waren, jetzt binnen weniger Stunden preisgegeben werden. Zu sehen an der Steuerreform. Das zeigt nur, dass in Knittelfeld alle inhaltlichen Argumente nur ein Vorwand waren."

Ein Comeback Norbert Gugerbauers an der FPÖ-Parteispitze hätte Riess-Passer "mit Sympathie gesehen": "Er hätte unbelastet an die Sache herangehen können. Aber das ist jetzt auch Geschichte."

Mitglied der FPÖ wolle sie nur bleiben, "wenn keiner der Parteiausschlüsse vollzogen wird."

Riess-Passer betont noch einmal, kein politisches Amt mehr bekleiden zu wollen. Für eine Aufgabe stünde sie allerdings zur Verfügung: "Die Fußball-Euro für Österreich war ein großer Erfolg. Wenn gewünscht, werde ich auch mithelfen, dass Salzburg im Juni Olympia 2010 bekommt. Aber unentgeltlich und ehrenamtlich."

Schüssel nennt Knackpunkte für Schwarz-Rot

Ebenfalls in "News" findet sich ein Interview mit Kanzler Wolfgang Schüssel, der sich darin weiterhin alle Optionen für die Regierungsbildung offen hält. Entgegen weitverbreiteter Ansicht glaubt Schüssel nicht, dass große Würfe und Reformen nur mit einer Großen Koalition durchzusetzen wären. Schüssel: "Nicht notwendigerweise. Manches geht auch mit einer knappen Mehrheit. Große Reformen sind etwa in skandinavischen Ländern sogar mit Minderheitsregierungen gemacht worden - wobei ich da gleich klarstelle, dass ich eine solche nicht anstrebe."

Von der SPÖ verlangt Schüssel echte Reformbereitschaft. Schüssel: "Es genügt nicht zu sagen, man will Reformen, man muss auch bereit sein, zu sagen, welche Reformen." Zum Beispiel bei den Pensionen. Das von der SPÖ vorerst abgelehnte Reformpapier Professor Tomandls, ist für Schüssel eine unabdingbare Gesprächsgrundlage. Schüssel: "Das Papier beschreibt den Handlungsbedarf und legt einige wichtige Vorschläge vor. Die Anhebung des Frühpensionsalters etwa, dazu einheitliche Pensionsanwartschaften, längere Durchrechnungszeiten. Wer heute eine rechtzeitige Reform verhindert, ist dafür verantwortlich, dass in ein paar Jahren die Schnitte noch viel drastischer ausfallen."

Weitere wichtige Punkte: die Verwaltungsreform und die Gesundheitsreform. Schüssel: "Allein über eine Ambulanzgebühr ist eine Gesundheitsreform nicht sicherzustellen. Man wird strukturell massiv hineingehen und Tabus angehen müssen." (red)