Kassel - Die Polizei hatte den mutmaßlichen Kannibalen von Rotenburg nach seiner ersten Vernehmung am 10. Dezember wieder frei gelassen. Das bestätigte der Kasseler Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung am Donnerstag. "Es hat für die Beamten keinen dringenden Tatverdacht gegeben", erklärte Jung, der damit auch einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte. Die Beamten seien bei Armin M. anfangs nicht von Mord und Kannibalismus ausgegangen, sondern hätten wegen des Vorwurfs der Gewaltverherrlichung ermittelt.

Polizei hat Inserat erst nicht für bare Münze genommen

Nach dem Hinweis eines Bürgers war die Polizei auf die Internetkontaktanzeige von Armin M. gestoßen. Darin hatte der 41-Jährige jemanden "zum Schlachten" gesucht. Die Beamten hätten den Text jedoch erst nicht für bare Münze genommen, hieß es. Als sie den Computerfachmann aufgesucht hatten, habe Armin M. auch nur verworrene Angaben gemacht. Diese hätten für einen dringenden Tatverdacht und eine Verhaftung nicht ausgereicht.

Hinweis auf Menschenfleisch in der Tiefkühltruhe

"Er hatte die Polizei jedoch darauf hingewiesen, dass in der Tiefkühltruhe Menschenfleisch gelagert ist", sagte Jung. Daraufhin hätten die Beamten sowohl das Fleisch, das sich später als Leichenteile erwies, als auch den Computer und diverse Disketten und CD-ROMs vorsorglich sichergestellt.

Laut Jung waren die bei Armin M. gefundenen Leichenteile für die Polizeibeamten nicht sofort als Menschenfleisch erkennbar gewesen. Aus diesem Grunde sei der Verdächtige nach der Vernehmung wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Erst nachdem sich der 41-Jährige am Nachmittag des 10. Dezembers seinem Anwalt offenbart hatte, habe er vor den Ermittlern ein klares und umfassendes Geständnis abgelegt.

Aufgezeichnet auf Video

Darin hatte der Computerfachmann zugegeben, den 42-jährigen Berliner Bernd Jürgen B. im März 2001 vor laufender Videokamera mit Stichen in den Hals getötet und anschließend teilweise gegessen zu haben. Das Opfer soll freiwillig mitgemacht haben.

Homevideos - Kreissäge und ein Grill werden auf Spuren untersucht

Bisher gibt es laut Jung keine Hinweise auf weitere Opfer des Rotenburgers. Neben dem Video würden derzeit eine beschlagnahmte Kreissäge und ein Grill auf Spuren untersucht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 41-Jährigen Tötung aus Mordlust vor. Dem mutmaßlichen Kannibalen droht damit eine lebenslange Gefängnisstrafe. Der Anwalt des Beschuldigten geht dagegen von Tötung auf Verlangen aus, für das der deutsche Gesetzgeber eine Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren vorsieht. Ein psychiatrischer Gutachter ist Jung zufolge derzeit noch nicht gefunden. (APA)