In Wien fädelt André Heller inzwischen Gusenbauers dritten Personalcoup ein. Die evangelische Superintendentin Gertraud Knoll wird am Dienstag einer staunenden Öffentlichkeit und ebenso überraschten Parteifreunden präsentiert. Wieder hat Gusenbauer die Schlagzeilen, aber diesmal auch Kritik. Anders als Broukal erhält Knoll kein fixes Mandat, was viele Frauen als unfair empfinden. Vor allem die Grünen sind konsterniert. "Wenn es der SPÖ etwas bringt, dann nur das, dass sie Grünwähler holen will", sagt der Grünen-Wahlkampfleiter Felix Ehrnhöfer.

Verbunden mit der Oppositionsansage Gusenbauers ist den Grünen nun klar, dass es von SP-Seiten keinen Lagerwahlkampf geben wird, sondern ein Duell um den Kanzler in einer großen Koalition. Aber auch die roten Strategen warnen Gusenbauer: Gertraud Knoll sei eine "Anti-Person" für FPÖ-Wähler. So werde man die rund 150.000 frei flottierenden Ex-Haider-Sympathisanten nicht an sich binden.

Am selben Abend folgt die zweite Ernüchterung für die Grünen: Van der Bellen, bereits von Zahn- und Kieferschmerzen gequält, lässt sich von einem kampfbereiten Schüssel in der ersten TV-Konfrontation ständig in die Defensive treiben, wirkt zwar auf seine Anhänger viel sympathischer, dringt aber kaum mit inhaltlichen Themen durch und enttäuscht vor allem in Wirtschaftsfragen. "Brav war er, der deine", spöttelt Rauch-Kallat am selben Abend gegenüber einem grünen Bekannten. "In den politischen Zirkeln und Medien wurde das wie ein Fußballmatch gesehen: Nur einer darf überleben", klagt später Grünen-Geschäftsführer Franz Floss.

Schüssel punktet im Ringen um bürgerliche Grüne, die zwischen den beiden Parteien schwanken. Diese wollen eine menschliche Ausländerpolitik und Umweltthemen, aber keine Freigabe von Drogen, die Schüssel den Grünen unterstellt. Der Kanzler hat erstmals gezeigt, dass er in seinem dritten Wahlkampf die Technik des TV-Duells fast perfekt beherrscht.

Die FP-Misere bricht nicht ab. Haiders Irak-Reise dominiert die Nachrichten, vor allem sein zweites Treffen mit Saddam Hussein am Montag. Zurück in Wien, lässt Haider seiner Begeisterung für Saddam freien Lauf und attackiert die USA und Israel. Im TV-Duell am Dienstagabend mit Schüssel will sich Haupt von seinem Mentor nicht distanzieren und verteidigt die Reise mit skurrilen Argumenten. Der Kanzler legt Haupt auch in Sachen EU-Erweiterung das Messer an. "Dann nehmen Sie sich aus dem Spiel", antwortet er auf dessen Drohung mit einem Nein zum Erweiterung. Ein Glücksfall für den Kanzler: Ohne FP-Wähler vor den Kopf zu stoßen, weist er die FPÖ damit in die Schranken. Schützenhilfe kommt auch von Haider, der in Interviews Schüssel wüst beschimpft. "Niemand hat mehr an eine Fortsetzung der schwarz-blauen Koalition gedacht", sagt Floss. "Der ÖVP ist es geschickt gelungen, so zu tun, als ob sie nichts mit der FPÖ zu tun hätte."

Dieser Eindruck bringt vor allem Gusenbauer in die Zwickmühle. Schwarz-Blau verliert seinen Schrecken, doch das rot-grüne Gespenst wirkt durch die schlechten Nachrichten aus Deutschland, die vor allem im ORF allabendlich ausgewalzt werden, immer bedrohlicher. "Eine No-Win-Situation für uns", sagt ein SP-Stratege. Auch Gusenbauer räumt nach dem Wahltag ein: "Wir haben wahrscheinlich die Wirksamkeit der Anti-Rot-Grün-Kampagne der ÖVP etwas unterschätzt."

Sicherheitshalber spielt der SP-Chef in der TV-Debatte mit Van der Bellen am Donnerstagabend die Chancen für eine rot-grüne Koalition herunter. Doch inhaltlich wirken die beiden Parteien näher denn je. "Gusenbauer symbolisierte von Anfang an Rot-Grün", sagt Ulram. "Das Gros der Leute glaubt, dass Rot-Grün sicher kommt, wenn sich Rot-Grün ausgeht." Im SP-Container wächst der Ärger über die Strategie der Grünen, die sich "wie Kletten an uns geheftet haben", wie ein Spitzenfunktionär nach der Wahl sagt. "Hätten sie sich schon im Wahlkampf gegenüber der ÖVP so geöffnet wie danach, dann wäre die Schmuddelkampagne nicht so erfolgreich gewesen."

Machtlos beobachten SPÖ und Grüne den Negativ-Wahlkampf der ÖVP, die vor allem gegen die Grünen die absurdesten Vorwürfe - von Haschtrafiken bis zum Vegetarierzwang - ins Spiel bringen. Das Inserat mit einem zigarrerauchenden Schröder und einer krassen Warnung vor einem rot-grünen Experiment löst sogar internationale Verstimmung aus - aber auf Kosten der SPÖ, als Schröder einen Wahlkampfauftritt in Wien absagt.(DER STANDARD, Printausgabe, 20.12.2002)