Es weihnachtet kräftig im Reich der Mitte. Auch wenn die Bürger nur wenig über den religiösen Hintergrund des Fests wissen. Dem soll Chinas erstes Handbuch für Weihnachten abhelfen. Seit kurzem liegt es in hoher Auflage in den staatlichen Xinhua-Buchgeschäften auf und erklärt nicht nur die Christkindsymbolik oder die "schönsten Weihnachtsbräuche" aus aller Welt. Es verrät, wie ein Baum zu schmücken ist und bietet auch praktische Backrezepte (Schokokringel), Geschenktipps und Liedertexte.

Weihnachten, in Peking vor 1980 noch als ausländisches Christenfest verpönt, ist innerhalb einer Generation derartig salonfähig geworden, dass Chinas größtes und ältestes Marktforschungsinstitut, "Zhongguo Shehui Diaochasuo" (SSIC), heuer speziell das Weihnachtsverhalten der Bür-ger erforschte. 2000 Städter zwischen fünfzehn und fünfzig Jahren in zehn Metropolen - von Peking, Schanghai, Wuhan bis Kanton - wurden befragt, wie sie es mit dem Fest halten.

"In den Städten wusste jeder Befragte sofort, was Weihnachten ist", berichtet erstaunt Wang Xing, die für die Auswertung der Ende Novem-ber gemachten Umfrage zu-ständig war. "Immer mehr jun-ge Chinesen sehen Weihnachten heute nicht mehr als Auslandsimport, sondern als ihr eigenes Fest an."

Zwei Drittel der Befragten assoziieren mit diesen Feiertagen (an denen Chinesinnen und Chinesen aber nicht frei bekommen) eine Zeit, in der man sich von den Mühen des Jahres erholt und der "Druck von einem abfällt". Jedem Vierten fällt das Stichwort Romantik ein.

"Trendy"

Ebenso viele wollen mitfeiern, weil es weltweit "trendy" und ein Ausdruck westlicher Lebensweise ist. Von dieser hole sich China durch das "Fenster Weihnachten" ein Stück zu sich hinein.

Bei der Frage nach den Vorhaben am Heiligen Abend führt das Vergnügen in einer Bar oder einer Discothek (23,9 Prozent); jeder Fünfte will "groß" Essen gehen, einen Einkaufsbummel machen (China kennt keine Ladenschlusszeiten). Erstaunlich viele Chinesen (13,3 Prozent) gaben an, eine der kirchlichen Messen besuchen zu wollen.

Spendable Städter

Auf die Frage, wie viel sie Weihnachten für Geschenke und Essen ausgeben wollten, nannten 54 Prozent eine Sum-me zwischen 200 bis 300 Yuan (knapp 24 bis 35 Euro) - mehr, als Chinas 800 Millionen Bauern im Durchschnitt pro Monat verdienen.

18,9 Prozent der Befragten, die meist aus der städtischen Mittelschicht stammen, wollten sogar mehr als 300 Yuan ausgeben. Kein Wunder, dass Chinas Kommunistische Partei, die den Konsum anheizen und so das Wirtschaftswachstum weiter ankurbeln will, längst ihren Frieden mit dem singenden und in Chinas Kassen auch klingelnden Weihnachtsfest geschlossen hat. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2002)