Wien - Eine gestandene Frau fragt nach den technischen Daten eines Kfz-Transporters. Statt detaillierter Auskünfte bekommt sie ein paar bunte Prospekte in die Hand gedrückt. Und tschüss. Nachsatz: Man werde sich dann beim Chef melden - den hätte man aber fast gerade mit ein paar Broschüren hinauskomplimentiert. Martina Gusterschitz hat solche und ähnliche Situationen schon zu oft erlebt, um noch die Contenance zu verlieren.

Vor zehn Jahren ist sie ins Transportgewerbe mit Kleinlastern eingestiegen. Antiquierte Vorurteile kontert die Lycée-Absolventin mittlerweile äußerst energisch. Und von ihrem Ziel, kundenindividuelle Transportlösungen zu erarbeiten, konnte sie auch der manchmal hemdsärmelige Ton der männerdominierten Branche nicht abhalten. Im Gegenteil: Nachdem sie 1992 mit nur einem Transporter angefangen hatte, dirigiert das Organisationstalent heute mit fester Hand 16 Angestellte und 80 Subunternehmer.

Die müssen an einem Wochentag rund 300.000 Zeitungen und Zeitschriften nach ausgetüftelten Verteilerplänen pünktlich zwischen vier und sechs Uhr morgens bei Trafiken, Buchhandlungen oder Großkunden wie Börse oder Parlament abliefern.

Die Akzeptanz ihres männlichen Umfeldes hat sich die rasante BMW-Fahrerin vor allem dadurch erkämpft, dass sie selbst immer noch mitanpackt oder zu jeder (Un-)Zeit ins Auto springt, wenn Not "am Mann" ist. Etwa wenn ihr minutiös ausgetüftelter Zeitplan durch verspäteten Andruck ins Wanken kommt oder ein englischer Lord während der Salzburger Festspiele anruft, weil er seine Times um jeden Preis rechtzeitig zum Fünf-Uhr-Tee und nicht erst am nächsten Tag serviert bekommen will. Dann flitzt die Chefin eben schnell zum Flughafen Schwechat, um zum Salzburger Nobellogis des Lords zu düsen. "Das bringt positive Mundpropaganda und neue Geschäfte."

Überqualifiziert

Begonnen hat ihre Unternehmerkarriere weniger idyllisch. Nach schnellem Aufstieg in der PR- und Werbebranche hatte sie sich mit knapp 30 Jahren zur Vertriebsleiterin eines altehrwürdigen technischen Verlages hochgearbeitet, was bereits als Unikum galt. Als die Branche wirtschaftliche Troubles bekam, half ihr das freilich nichts. Sie wurde "freigestellt" und war plötzlich mit Anfang 35 "zu alt" und "überqualifiziert".

Als dem Arbeitsamt dann nur einfiel, sie in einen EDV-Kurs zu stecken, dessen Leiter kopfschüttelnd meinte, er könne ihr leider nichts mehr beibringen, was sie nicht schon wisse, nahm sie die Sache selbst in die Hand. Sie sondierte den Markt und fand ihre Unternehmensidee in nischenorientierten Transportaufgaben.

Dort sieht die Unternehmerin - die mit ihrer Firma "Mission Possible" hoch in den schwarzen Zahlen und aus Überzeugung ohne Kredite arbeitet - auch die Zukunft. Rasche und sorgsame Transporte hoch sensibler Hightech-Geräte gehören da ebenso dazu wie der Ausbau der Zustelldienste bei hochkarätigen Konferenzen und Tagungen, wo jeweils nur eine kleine Schar ausgesuchter Dienstleister zugelassen ist. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24./25./26.12.2002)