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E. T. Spira: Frauen würde sie niemals lächerlich zeigen. Bei Männern ist sie sich da nicht so sicher, was auch oft kritisiert wird.
APA/Barbara Gindl

Mit Claus Philipp sprach die Journalistin über ihre oft umstrittenen Sendungen.

Standard: 56 Alltagsgeschichten gibt es mittlerweile. Wie würden Sie das Mosaik, das Sie da entwickelt haben, zusammenfassend beschreiben?

Spira: Kleine Themen. Keine Sensationen. Alltägliche, banale Räume - vor allem in Wien. Wenn Wien viermal größer wäre, wär's mir noch lieber. Manchmal versuchen mich Mitarbeiter zu Exkursionen zu überreden, ins Waldviertel zum Beispiel. Da sag' ich: "Tut's mich nicht quälen." Ich bin ein sehr großstädtischer Mensch.

STANDARD: Wobei Sie proletarische, kleinbürgerliche Räume bevorzugen. Wäre es mitunter nicht reizvoll, "erfolgreiche" Bürger zu porträtieren?

Spira: Na, sind Sie schon einmal mit solchen Yuppies zusammengesessen? Mich langweilt die bürgerliche Welt zu Tode. Und das spürt sie auch. Ich passe dort nicht hinein, werde fast feindselig. Und für Society-Menschen bei Modeschauen gibt es ja ohnehin die Seitenblicke . . .

STANDARD: . . . ein Format, das diese Schicht kaum hinterfragt.

Spira: Was man da sieht, ist ja auch kein Bürgertum. Das ist eine Zwergenbourgoisie, ein Ersatzbürgertum - so, wie man hierzulande in vielem nur mit Ersatz auskommen muss. Lächerlich. Aber so ist es ja auch nicht, dass ich nur Arbeiter befrage. So habe ich zum Beispiel in einem jüdischen Altersheim gedreht. Ich suche Menschen, die etwas zu erzählen haben.

STANDARD: Wobei Sie in den letzten Jahren ziemlich deutlich gespürt haben müssen, wohin politisch der Hase läuft.

Spira: Ich denke schon. Die Ängste und der Hass der Leute wurden immer größer. Die Sozialisten kamen als Ansprechpartner immer mehr abhanden. Und was wir zuletzt schon im März in der Großfeldsiedlung mitbekommen haben: Viele hatten die FPÖ schon wieder verlassen, lange vor Knittelfeld. Aber eigentlich sind das ja nur die oberflächlichen Geschichten im Rahmen der allgemeinen Entsolidarisierung. In unserer Drittelgesellschaft geht es halt dem unteren Drittel miserabel. Weniger materiell - wie etwa in den 50er-Jahren -, sondern gesellschaftlich. Mit ihnen ist nicht mehr "die neue Zeit".

STANDARD: Also werden diese Menschen in eine Ersatzsicherheit entsorgt. Spira: Genau. Als ein Haufen von Verlorenen, die das Gefühl haben, dass niemand für sie da ist. Da wird keine schöne Zukunft mehr ausgemalt.

STANDARD: Offenbar wird dieser Lebensraum auch für die meisten Berichterstatter erst interessant, wenn er kriminelle, skurrile oder andere Schau-und Unterhaltungswerte hergibt.

Spira: Glückliche Menschen sind wunderbar, aber für den Berichterstatter uninteressant. Menschen, die wenig Hoffnung und Geld besitzen, straucheln halt manchmal: Drogen, Alkohol, Raufereien, manchmal auch Gefängnis. Ich male keine heile Welt, denn zum Unterschied von Grillparzer bin ich der Meinung, dass Armut kein schöner Glanz von innen ist. Wenn die Zukunft und die Hoffnung stirbt, bleibt Bitterkeit und Einsamkeit.

STANDARD: Was Sie ja in Ihrer zweiten Reihe, den "Liebesgeschichten und Heiratssachen" in den Mittelpunkt stellen.

Spira: Die haben sich daraus entwickelt, dass wir bei Drehs nächtens immer wieder einsame Herren getroffen haben, die sich bei Mutter Spira ausgeweint haben, dass niemand mehr für sie bügelt oder kocht. Was ich teilweise, weil ich ja eine ironische, manchmal auch sehr boshafte Frau bin, sehr komisch fand.

STANDARD: Frauen sind da weniger lächerlich?

Spira: Ja, und ich würde sie auch niemals lächerlich zeigen. Bei Männern bin ich mir da nicht so sicher. Das wird dann auch oft kritisiert. Aber das ist mir egal. In jeder Tragödie steckt bekanntlich Komödie. Das Fernsehen ist ein voyeuristisches Medium. Und ja, natürlich: Für einen Puristen ist das eine unangenehme Sendung.

STANDARD: Diesen Menschen vor Ihrer Kamera ist ja offenkundig nicht immer klar, wie sie da herüberkommen.

Spira: Ich war da anfangs auch sehr skeptisch. Als Kupplerin aufzutreten war mir eher unheimlich. Und tatsächlich ist die Sendung über die Jahre und Monate hinweg doch liebevoller geworden. Was auch an den unterschiedlichen Bewerbern liegt. Manche sehen das wirklich als letzte Chance, endlich wieder mit jemandem zu reden. Andere sind einfach neugierig. Und wieder andere hoffen auf möglichst viele Zuschriften. Das Angenehme ist: Wenn man die Leute später wieder trifft, geht es ihnen besser. Und oft fragt man sich: Wo sollen sie sonst hin?

STANDARD: Das könnte aber die FPÖ über ihre Basisarbeit bei den Enttäuschten auch sagen: Solange es keine anderen Auffangbecken und Anspielpartner und Ausstrahlungsformate für Probleme gibt . . .

Spira: Es ist tatsächlich nicht immer sympathisch. In mancher Hinsicht sind die Liebesgeschichten auch für mich ein Sündenfall. So eine Sendung hätte man vor zehn Jahren nicht machen können, weil sich keine Leute dafür hergegeben hätten. Ich mache meist ganz traurige Sendungen. Doch manche Zuseher glauben, dass sie bei eine Sendung von der Spira lachen müssen. Dafür kann ich nix. Was würden Sie sich wünschen?

STANDARD: . . . dass es im ORF mehr Formate für soziale Themen gibt, abseits von "Im Brennpunkt", Russwurm und Karlich, auch in komplexeren Dokumentationen.

Spira: Dagegen ist nichts zu sagen. Fragen Sie doch den Programmdirektor. (DER STANDARD, Printausgabe 27.12.2002)