Kanadische Forscher um Laurel Trainor von der McMaster University in Hamilton haben nach langjährigen Studien jetzt bestätigt, was Musikwissenschafter, Psychologen und Pädagogen schon seit langem behaupten: Singen ist außerordentlich gesund. Wer singt oder summt, verschafft sich ein angenehmes Gefühl, mit dem sich das Belohnungssystem des Gehirns sofort erkenntlich zeigt. Messungen haben die physiologischen Reaktionen analysiert: Der Puls pocht schneller, die Körpertemperatur steigt augenblicklich. Der Hormonspiegel schießt in die Höhe, das Blut zirkuliert rascher. Der Stoffwechsel wird angeregt, der Kreislauf kommt auf Trab. Sekundenschnell werden Adrenalin und Glückshormone ausgeschüttet. Am Morgen fällt der Start in Stau und Stress viel entspannter aus.

DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und Verleger Hubert Burda blasen regelmäßig ihre Trompeten. Allianz-Lenker Henning Schulte-Noelle zieht die Register auf der Orgel. SAP-Boss Hasso Plattner zupft und drischt seine Elektrogitarre. Werner Seifert, Chef der Deutschen Börse, hat ein Keyboard zu Hause. Matthias Döpfner, Vorstandschef des Springer-Konzerns, ist sogar promovierter Musikwissenschafter und spielt Klavier. Was Musizieren mit Management zu tun hat? Man braucht hohe Konzentration, schnelle Leitungen zwischen Kopf und Hand, gute Koordination und kurze Fingernägel.

Bei musikalischen Menschen arbeitet das Gehirn anders. Ob sie singen oder ein Instrument spielen - wenn sie es regelmäßig und mit Freude tun, erkennt das Gehirn darin etwas Vertrautes, das an ganz tiefe Gefühlsschichten heranreicht. Einbezogen sind auch Lunge, Herz, Zwerchfell und die Muskulatur von Bauchdecke, Po und Beinen, die angespannt wird. Das Tönehervorbringen wird zum Ganzkörperakt. Langjährige Personalberater sprechen von einer unübersehbaren "Begabungskonstante" bei Managern, die musikalisch sind und auch in ihrem Beruf überdurchschnittlich erfolgreich.

Fazit: Wer beim Üben drangeblieben ist, wer es als Musiker im Kirchenchor, als Jazzer oder in einer Rockband geschafft hat, der taugt auch mehr für den Chefsessel als Unmusikalische. Der frühere Hypo-Bank-Vorstand Martin Kölsch, selbst ambitionierter Klavierspieler, glaubt, dass deutlich mehr als zehn Prozent der Dax-Vorstände ein Instrument beherrschen. Sie haben sich hochgespielt.

Einen absoluten Beweis für die Wirkung des Instrumentenspiels oder des Singens auf die Karrierelaufbahn gibt es nicht. Aber eine neue und interessante Langzeitstudie, die die funktionelle und strukturelle Organisation des Gehirns mit der musikalischen Vorprägung in Verbindung setzt.

Der Musikwissenschafter Hans Günther Bastian von der Frankfurter Goethe-Universität, ein passionierter Organist, hat an Berliner Schulen vergleichende Untersuchungen vorgenommen und fasst "eindeutig" zusammen: "Musizieren fordert und fördert Intelligenz, Ausdauer, Fleiß, Zielstrebigkeit, Teamfähigkeit, Kreativität und Flexibilität. Genau die Eigenschaften, die die Wirtschaft braucht."

Techno macht tumb

Auf der Tonleiter geht es zum Erfolg. Bastian ist davon überzeugt, dass, wer als Kind ein Instrument erlernt hat, später im Berufsleben davon profitiert und generell im Vorteil ist. "Wie sind Gewissenhaftigkeit und Verantwortung besser zu trainieren, als wenn ein Sechsjähriger Bach einübt?" Allein auf Klassik will der Experte sich dabei nicht festlegen. "Auch Jazz und qualifizierte Rockmusik fördern Kreativität und Intelligenz." Nur extrem laute, hämmernde Musik, etwa Techno, mache tumb statt wach. Musikalität, vielfach nachgewiesen, sorgt für die Ausschüttung von Oxitocin, einem Hormon, das die Sozialverträglichkeit fördert wie kein anderes.

Stammesverbände in der Steinzeit hielten sich so bei Laune. Wanderer, die singen, entwickeln automatisch ein Gemeinschaftsgefühl. Selbst grölende Busladungen sind friedlicher als stumm dasitzende, einander fremde Individuen. Ein Unternehmen zu leiten unterscheidet sich nur graduell vom Verhalten eines Steinzeit-Häuptlings, der seinen Clan durch die Gefahren der Jagd (Strategie) und des Beutemachens (Profit) führt.

Durch die komplizierte Motorik werden beide Gehirnhälften besser verknüpft. Bei der Erprobung neuer Stücke kommt es darauf an, sich immer neu zu motivieren, es wieder und wieder zu versuchen, bis sich ein gefälliger Gleichklang herstellt. Manchmal muss man sich zur Harmonie durchbeißen.

Dann aber gibt es auch meditative Momente, in denen man ganz sich selbst ausgeliefert ist. Alles wie im Leben einer Führungskraft. Management by Music. (Roland Mischke; DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2002)