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Foto: AFP/Juan Barreto

Caracas - Hunderttausende Menschen haben am Sonntag in der venezolanischen Hauptstadt erneut gegen Präsident Hugo Chavez demonstriert. Gewerkschaftschef Carlos Ortega forderte die Demonstranten auf, den Kampf für Freiheit und Demokratie fortzusetzen. "Er müsste uns schon töten, damit dieser Streik aufhört", sagte Ortega. Vielmehr werde er "bis zu letzten Konsequenz" weitergeführt. Während die Demonstranten lautstark den Rücktritt des Präsidenten forderten, sieht Chavez den Streik als gescheitert an. In seiner wöchentlichen TV-Sendung "Hallo Präsident" drohte er den Streikführern drohte an, sie wegen Landesverrats vor Gericht stellen und ins Gefängnis werfen zu lassen.

Die Opposition aus Gewerkschaft und Arbeitgebern begann mit der Demonstration eine neue Phase des Protests, in der ihre Anhänger zu zivilem Ungehorsam aufgerufen werden. An die Demonstranten wurden Broschüren verteilt, die auf der Grundlage der Verfassung zu zivilem Ungehorsam anleiten sollen. Insgesamt neun Demonstrationszüge hatten sich auf der Avenida Victoria (Sieg) im Südwesten der Hauptstadt zur Kundgebung vereinigt. Es war bereits die vierte Großdemonstration seit Beginn des Generalstreiks Anfang Dezember. Für die Silvesternacht kündigte die Opposition eine neue Großdemonstration an.

"Faschisten-Oligarchie"

Chavez sagte, dass er die Situation im Land unter Kontrolle habe. Für seine wöchentliche Fernsehsendung hatte er das nahe der Hauptstadt gelegene Benzin-Verteilungszentrum Yaguas aufgesucht. "Wir werden Himmel und Erde in Bewegung setzen, wenn nötig, aber wir werden nicht das Volk der grausamen und heimtückischen Oligarchie ausliefern", sagte Chavez vor seinen Anhängern. Er bezeichnete seine Gegner als Faschisten, die "einen Dolch in das Herz der Nation" stießen. Die Menge forderte ihn auf, mit "harter Hand" auf die Proteste zu reagieren. Chavez erwiderte, im Konflikt mit der Opposition keine Gewalt anwenden zu wollen. Er werde sich nicht von "niederen Instinkten" leiten lassen, sagte Chavez. Bei jedem Tanker, der die Raffinerie verließ, applaudierten die Zuschauer.

Die innenpolitische Krise griff unterdessen auch auf die Provinz über. In der im Landesinneren gelegenen Stadt Barquisimeto bewarfen sich Anhänger und Gegner der Regierung am Samstag mit Steinen und Flaschen. Die Polizei versuchte vergeblich, die beiden Gruppen zu trennen. Vor den Tankstellen im ganzen Land bildeten sich wieder lange Warteschlangen. Empörte Autofahrer blockierten aus Protest gegen die Benzinknappheit die Fernstraße Panamericana in der Nähe von Caracas.

Keine Fortschritte bei Gesprächen

Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Cesar Gaviria, zog eine enttäuschende Bilanz seiner Vermittlungsgespräche mit Vertretern von Regierung und Opposition. "Ich kann nicht sagen, dass wir irgendwelche Fortschritte erzielt haben", sagte Gaviria. Die Gespräche wurden am Freitag vertagt, sie sollen am 2. Jänner wieder aufgenommen werden.

Mit dem am 2. Dezember begonnenen Generalstreik will die Opposition den Rücktritt von Chavez und Neuwahlen erzwingen. Das lose Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und Unternehmern macht Chavez für die Rezession im Land verantwortlich und wirft ihm vor, ein kommunistisches Wirtschaftssystem nach kubanischem Vorbild errichten zu wollen.

Insbesondere der Ausstand von etwa 35.000 Ingenieuren und Arbeitern der Erdölindustrie hat die Regierung schwer getroffen. Venezuela ist der fünftgrößte Erdölexporteur der Welt. Öl macht 80 Prozent der Exporte des Staates und 50 Prozent der Staatseinkünfte aus. Venezuela ist der viertgrößte Öllieferant der USA, üblicherweise stammen mehr als 13 Prozent der US-Ölimporte aus dem Land. Der Streik und die Irak-Krise haben den Ölpreis in die Höhe getrieben. (APA/dpa/Reuters/AP)