Defizitgrenzen und blaue Briefe: Das waren nebst dem Schielen auf die jüngsten und meist düsteren Wachstumsprognosen die Hauptthemen der europäischen Wirtschaftsdebatte im alten Jahr. Dabei wurde die vollmundige Zielsetzung, "zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt" zu werden, ziemlich aus den Augen verloren.

Die Bestandsaufnahme zeigt jetzt, dass die EU schon in den vergangenen Jahren den Anschluss an die USA verpasst hat – beim Wachstum ebenso wie beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit. In beiden Bereichen schneiden die USA kontinuierlich besser ab. Wer zu Europas Arbeitslosenheer zählt, dem hilft es wenig, wenn über amerikanische "McJobs" gespottet und auf Europas hohen sozialen Standard verwiesen wird. Denn zum sozialen Standard gehört immer noch zu allererst die Möglichkeit, sich sein Ein- und Auskommen selbst zu verdienen.

Den USA ist es gelungen, die Boomjahre dazu zu nutzen, ihr Budgetdefizit in einen Überschuss zu wandeln – das gibt jetzt Reserven, um die Konjunktur anzukurbeln. Solche kleinen Wunder haben auch einige europäische Länder geschafft – allen voran Schweden, das ein arg defizitäres Budget sanierte und dennoch die weltweit höchste Forschungsquote erreichte.

Die Union darf darum – ebenso wie Österreich – nicht nur Defizite begrenzen, sondern muss auch wieder Prioritäten setzen. Wachstum und neue Arbeit kommen von neuen Betätigungsfeldern, und dazu braucht es Investitionen, um sie zu entwickeln. Österreich hat hier besonderen Aufholbedarf: Unsere Forschungsquote ist unterdurchschnittlich – und wer gelegentlich mit der Bahn fährt oder über die Autobahn rumpelt, kann auch ohne Blick in die Statistik spüren, dass unsere Infrastruktur längst dramatisch unterentwickelt ist.