Wien – Es ist schön, wenn vor der Tür einer steht, der frohe Kunde bringt. Darum lächelt Herr Ullmann auch so gewinnend. "Der Strom wird billiger", lacht Herr Ullmann. Und sein Bubigesicht, seine Brille, sein adretter Anzug und seine schmale Aktenmappe lachen mit. "Das Haus wird umgestellt. In fünf Wochen ist es so weit", lacht Herr Ullmann, wenn er plötzlich unangemeldet auf der Matte steht.

Und damit dann, wenn der Strom billiger wird, alles glatt gehen kann, sei der Herr Ullmann schon heute da. "Ich muss nur einen Blick auf Ihre Stromrechnung werfen." Eine Lappalie.

Dass die ungefragt beglückten Menschen vielleicht einen anderen Stromlieferanten haben – in der Regel Wienstrom – sei deswegen kein Problem. Im Gegenteil: "Ich komme vom Hersteller, dem Verbund. Und das Haus wird umgestellt." Und jetzt, verliert Herr Ullmann keine Sekunde seine Fröhlichkeit, brauche er die Rechnung.

Manchmal friert dem Herrn Ullmann aber auch das Lächeln ein. Etwa wenn man ihn nach einem anderen Ausweis als jenem billigen Plastikkarterl, das sich ja jeder selber basteln kann, fragt. Oder eine Visitenkarte will. Dann hat es der Ullmann plötzlich eilig.

Macht nichts. Schließlich kann man sich auch anderswo erkundigen, was umgestellt und billiger wird.

Arbeiterkammer: Keine guten Erfahrungen..

In der Konsumentenschutzabteilung der Arbeiterkammer seufzt man laut, wenn die Rede auf Leute wie den Herrn Ullmann kommt: Mit Stromkeilern, die den Leuten das Blaue vom liberalisierten Strompreishimmel verraten, hat man dort jede Menge Erfahrung. Wenig überraschend: keine guten.

Haben die Keiler nämlich einmal eine Rechnung in der Hand, erklärt AK-Energieexpertin Gunda Kirchner, werden Äpfel mit Birnen verglichen: Der reale Strompreis – inklusive Steuern, Abgaben und Leitungskosten – werde dann gegen einen imaginären Preis aufgerechnet. "Da werden meist Steuern und Netzkosten vergessen, und es wird massiv mit Halbwahrheiten gearbeitet."

Die tatsächliche Ersparnis, so Kirchner, falle bei den meisten Privathaushalten "weit geringer" aus. Meist gehe es um "Beträge um fünf Euro pro Jahr. Mit Glück."

Auch Wienstrom-Sprecher Christian Neubauer betont, dass Versprechen von Einsparungen in der Dimension von "Familienessen im Steirereck" in der Realität meist gerade "Schokoriegeldimensionen" einnähmen. Und auch die von manchen Keilern – mitunter gegenüber älteren Leuten – angebrachte Drohung, die Firma Wienstrom werde es bald nicht mehr geben und Nichtumsteiger würden dann im Dunkeln sitzen, sei "eine böse Lüge".

Tatsache sei, dass sich jeder ausrechnen kann, bei welchem Anbieter er wie viel für Energie zu zahlen hat. Das, betont man bei Wienstrom und AK, geschehe aber nicht via Türschwelle, sondern am besten über den – von allen als korrekt anerkannten – Tarifrechner im Internet. Dann fällt Herr Ullmann allerdings um seine Keilerprovisionen um. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2003)