Standard: Was erwarten Sie vom SPÖ-Präsidium?
Brauner: Wir werden die bisherigen Gespräche mit der ÖVP bewerten. Die offiziellen Gespräche haben bei mir nicht den Eindruck hinterlassen, dass die ÖVP ein Interesse hat, mit der SPÖ zusammenzuarbeiten. Das, was sie aufgeführt haben mit der Information über das Budget und was sich abgespielt hat seitens des Innenministers - das ist, sehr höflich formuliert, keine vertrauensbildende Maßnahme. Zudem gibt es auch inhaltlich Knackpunkte mit der ÖVP.

STANDARD: Zum Beispiel?
Brauner: Etwa die Abfangjäger, wo uns die Wähler nicht verzeihen würden, wenn wir unsere Position verlassen würden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, auf die Rücknahme der Studiengebühren zu verzichten, weil das sowohl sozialpolitisch als auch frauenpolitisch sehr wichtig ist. Man kann Dinge, für die uns die Wähler ihr Vertrauen geschenkt haben, nicht einfach über Bord werfen.

STANDARD: Sie rechnen also eher nicht mit Schwarz-Rot?
Brauner: Die Verantwortung dafür, dass eine Regierung gebildet wird, liegt bei der ÖVP. Und Wolfgang Schüssel fängt schon wieder an, so zu tun, als ob ihn das alles nichts anginge - man verhandelt da ein bisschen und dort ein bisschen. Das ist keine gute Voraussetzung. Wir sind grundsätzlich gesprächsbereit, aber die Signale von der ÖVP müssen schon da sein.
STANDARD: Welche Signale müssten das sein?
Brauner: Das könnte einmal sein, dass Dinge die bisher getan wurden, unterlassen werden - Stichwort Strassers Personalpolitik. Es ist ein absoluter Skandal, dass sich ausgerechnet der Innenminister über alle demokratischen Spielregeln hinwegsetzt. Und prinzipiell muss die ÖVP einmal sagen, was sie will.

STANDARD: Also keine Parallelverhandlungen mit der FPÖ?
Brauner: Natürlich. Bisher habe ich das Gefühl, die ÖVP spricht mit jedem, der so daherkommt. Das ist keine klare Positionierung. Strasser setzt Signale in Richtung FPÖ - und das ist ja ein völlig anderes Konzept als eine Koalition mit der SPÖ. Wenn zwei so große Parteien zusammengehen, dann muss es eine große Reformmehrheit geben. Bisher ist von neuer Partnerschaft noch wenig zu sehen. Die Signale sind eher provokant.

STANDARD: Die ÖVP verlangt, dass sich die SP-Gewerkschafter zu Reformen bekennen.
Brauner: Das ist ja ganz absurd. Hier wird eine Geschichtsverfälschung dargestellt und so getan, als ob die Gewerkschaft schuld daran gewesen wäre, dass 1999 die Koalition nicht zustande gekommen ist. Schuld daran ist aber, dass die ÖVP mit der FPÖ eine fix und fertige Vereinbarung in der Tasche gehabt hat.

STANDARD: Wie groß ist in der SP das Misstrauen wegen 1999?
Brauner: Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass die ÖVP Interesse hat, große vertrauensbildende Maßnahmen zu setzen.

STANDARD: Wie groß ist die Chance auf Schwarz-Rot?
Brauner: Diese Sache als Spiel zu sehen mit Wahrscheinlichkeiten, das überlassen wir dem großen Spieler Schüssel. In der SPÖ ist es wie in unserer Wählerschaft: Viele sagen, die SPÖ hat viele Stimmen bekommen, ihr müsst schauen, dass ihr das Schlimmste verhindern könnt. Andererseits gibt es genauso viele, die sagen, Schwarz-Blau ist ausgehandelt, die ÖVP setzt keine klaren Signale, ihr dürft nicht die unsoziale Politik legitimieren. Diese Positionen gibt es. Beide haben etwas für sich.

(DER STANDARD; Printausgabe, 3.1.2003)