So ergab sich einst ein Künstlername

Foto: NGBK.de/Valie Export

"Expanded Art" macht Valie Export seit den 60er-Jahren: Performance, Body-Art, konzeptuelle Fotografie, Video und Film. Neue Arbeiten zeigt nun die Galerie Charim, ab 16. Jänner stellt die Berliner Akademie der Künste "Mediale Anagramme" aus. Zudem ist ein Buch über die Medienkünstlerin erschienen.


Wien - Überraschung: Da wird Valie Export zuweilen als "Doyenne der Medienkunst" bezeichnet und macht praktisch klassische Skulpturen in ihrer neuen Ausstellung. Da kennt man sich vordergründig nicht mehr aus, und das ist gut so. Richtige Doyens haben ein starkes Frühwerk überlebt, um das Spätere kümmert sich kaum jemand. Doyen, ein Wort zum Fürchten, macht eine Person immun, wie ein Denkmal.

Und dem tritt Valie Export, Professorin an der Kölner Kunsthochschule für Medien, in der Galerie Charim (bis 28. 2.) entgegen, obwohl die als Waltraud Höllinger 1940 in Linz Geborene ihr in den 60er-Jahren geschaffenes "Label" nicht hintanstellt. Was wiederum Gegenstand der kürzlich im Passagen Verlag erschienenen Publikation VALIE EXPORT Bild-Risse von Roswitha Müller ist.

"Expanded Art"

1994 war das Buch in den USA erschienen, was keineswegs verwundert: Noch immer besitzt Valie Export in den Staaten den höchsten künstlerischen Stellenwert und Bekanntheitsgrad als eine der bedeutendsten Protagonistinnen der Medienkunst, ebenfalls zu lesen als konzeptuelle Fotografie, als Expanded Cinema, als sprachkritische Sektion der Gesellschaft. Export propagierte "Expanded Art" lange, bevor diese als Crossover hip war.

Muellers Buch, zugleich auch eine kompakte, illustrierte Monografie über Export, bettet die Künstlerin in den historischen Zusammenhang von Performance-Art, Fluxus und natürlich von feministisch orientierter Kunst. Gleichzeitig spürt das Werk auch Exports Arbeiten, speziell auch den Filmen, bis in die frühen 90er-Jahre nach. Es fehlt dann allerdings Exports 2001 errichteter "Gläserner Raum" am Wiener Gürtel, ein exhibitionistische "Auslage" für Frauenspezifisches, auch als Anspielung in einer Gegend, wo sich Frauen prostituieren.

Fast eine Mini-Retro leitet die Schau bei Charim ein, Grundsätzliches: Gleich am Beginn steht Exports berühmte, namengebende umcollagierte Smart-Export-Zigarettenpackung, nun museal und wertvoll unterm Glassturz. Dieses Selbstporträt: Transfer Identity steht richtungsweisend für ihre Projekte, die Bezug nehmen auf die Rolle des Subjekts, der Frau, der Künstlerin innerhalb spezifisch konstruierter und zugleich verschleierter Machtstrukturen.

Dazu passt auch die Einschreibung des (weiblichen) Körpers etwa in die Architektur. Verschmolz Export in einem früheren Porträt ihr Konterfei mit einer Treppe, so splittet sie in ihrer aktuellen Präsentation den Stich eines anatomischen Kopfes aus dem Barock. "Seit einigen Jahren habe ich die digitale mit der analogen Fotografie konfrontiert, die Bilder vom Außen mit den Bildern vom Innen", erklärt Export im Interview mit der Buchautorin Mueller.

Konstruktion und Dekonstruktion von Bild- und Sprachkontexten bildet sicher eines der Leitmotive von Exports Arbeit, so auch bei der aktuellen sechsteiligen "panoramatischen Videoinstallation", wo ein gesprochener Satz zu dunklem, unverständlichem Sprachengewirr mutiert. Zu sehen sind lediglich die Stimmritzen, gespenstisch und fremd. Im Projekt Tonfilm (1969) sollte ein fotoelektrischer Verstärker in den Kehlkopfdeckel eingebaut werden, der mit lichtempfindlichem Widerstand mit der Gesichtsaußenseite verbunden ist. Der Verstärker regelt das Stimmvolumen je nach Helligkeit und Dunkelheit. Das heißt: Bei Licht schreien die Menschen, bei Dunkelheit sind sie unhörbar.

Mediale Anagramme, unter deren Titel eine Personale an der Berliner Akademie der bildenden Künste am 16. Jänner startet, definiert Export "als eine Art Sprachsystem für die Bildproduktion in technischen Medien". Gewalt in jeder Form über die Haut, den Körper sichtbar zu machen bildet ebenfalls eine Konstante bei Export.

Am eindringlichsten sicher der Film Remote...Remote..., wobei die Künstlerin vor dem Hintergrund eines Polizeifotos zweier missbrauchter Kinder mit einem scharfen Messer ihre Nagelhaut einschneidet, nach jedem Schnitt die bluttriefenden Finger in Milch taucht.

Ihre neueste, äußerst düstere Installation Heads - Aphäresie besteht aus klassischer Bildhauerei, lässt Parallelen zu: 60 auf Podesten stehende, gesichtslose Hohlformen von Köpfen - aus Wachs, Bronze oder Aluminium - "starren" als eine Art verlorene Masse hauptsächlich auf eine Diaprojektion, auf der grauenhafte Archiv-Dokumentationsfotos von ermordeten Menschen im Loop durchrasen. Kollektive Ohnmacht wäre eine der Deutungen. Aktuell wäre sie jedenfalls.
(DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2003)