Bild nicht mehr verfügbar.

Venezuelas Präsident Hugo Chávez

foto: apa/Bouroncle

Regierung und Opposition sind in einer Sache einer Meinung: Der Generalstreik, der am 2. Dezember angefangen hat und mit dem die Opposition den Rücktritt von Präsident Hugo Chávez erzwingen will, hat der venezolanischen Wirtschaft enorm geschadet. Die Verluste in der Ölindustrie belaufen sich durch die Arbeitsniederlegungen eines Großteils der Beschäftigten nach offiziellen Angaben auf 1,2 Milliarden Dollar im Dezember. Die Gewinne der Ölindustrie machen rund 30 Prozent der Staatseinnahmen aus. Der Staat hat im Moment 34 Millionen Dollar weniger zur Verfügung - täglich.

In einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der venezolanischen Börse wird gewarnt, dass der Staat in 45 Tagen zahlungsunfähig sein könnte. "Wenn der Streik bis Februar anhält, dann kann die Stabilität der öffentlichen Kassen infrage gestellt werden. Die Liquidität und die Solvenz des Landes haben sich stark negativ entwickelt wegen der politischen Situation. Wenn die Krise nicht bald beendet wird, dann kann die Situation einen kritischen Zustand erreichen", heißt es in dem Börsenbericht. "Für den Staat bedeutet die Verlängerung des Protestes um mehr als 45 Tage, dass er die Schulden nicht mehr zahlen kann." Die Chancen, dass der Konflikt bald beendet wird, sind indes nicht groß. Und allein im Jänner müssen 356 Millionen Dollar Schulden zurückgezahlt werden.

Seit der Ausrufung des Generalstreiks vor exakt einem Monat ist der Handel um 40 Prozent eingebrochen. 520.000 Beschäftigte haben ihre Jobs verloren, 20.000 Klein- und Mittelbetriebe müssen oder mussten bereits schließen.

Tourismus: Pleitewelle

In den vergangenen vier Wochen haben auch 300 Tourismusagenturen Pleite gemacht, weil Besucher aus dem Ausland ausbleiben. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den ersten 16 Tagen des Ausstandes nach Berechnungen der Bank Santander um 2,4 Prozent zurückgegangen. Zwischen Jänner und September 2002 ist das Wirtschaftswachstum schon um 6,4 Prozent geringer ausgefallen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Für das letzte Trimester zeichnet sich ein Rückgang um 9,9 Prozent ab - dies wäre der höchste Wert seit zwölf Jahren.

Die Einbußen im Export, an dem Ölprodukte rund 70 Prozent ausmachen, werden auf 70 Millionen US-Dollar täglich geschätzt. Wegen der Krise stieg auch die Nachfrage nach US-Dollars im Land. Trotz Interventionen der Zentralbank war der Dollarkurs am 2. Jänner um 82,9 Prozent höher als ein Jahr davor. Wegen der Krise musste die Zentralbank auch ihre internationalen Reserven angreifen. Sie sanken im Dezember um eine Milliarde Dollar auf 14 Milliarden. "Die Werte sind insgesamt alarmierend", heißt es im Börsenbericht. Präsident Chávez bereitete die Venezolaner in seiner Neujahrsansprache darauf vor, dass "alle die Kosten der politischen Instabilität tragen müssen", solange die Einnahmen aus dem Ölgeschäft nicht gesichert sind. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 3.1.2003)