Alí Rodríguez

Alí Rodríguez kommt in diesen Tagen kaum zum Schlafen. Der Chef der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft PDVSA taucht auch während der Nachtschichten bei Arbeitern in den über das Land verstreuten Raffinerien auf, um sie zu motivieren. Es sind nur wenige, die seit dem Beginn des Generalstreiks am 2. Dezember weiterhin zur Arbeit erscheinen und den Betrieb aufrechterhalten. Das Management hat den Chef fast völlig alleine gelassen. Mehr als 30.000 Beschäftigte sind in den Ausstand getreten. "Meine Türen sind offen. Wer immer mit mir über etwas sprechen will, kann es tun", warb der Chef des größten Betriebes Lateinamerikas im Fernsehen - bisher vergeblich. Die Ölproduktion ist von etwa drei Millionen Barrel täglich auf 150.000 gesunken.

Dabei galt der 65-Jährige bei seinem Amtsantritt im April als Garant dafür, dass der viertgrößte Erdölexporteur der Welt seine Lieferungen weiter aufrechterhält. Denn der viertägige Aufstand, der zu einer 48-stündigen Amtsenthebung von Präsident Hugo Chávez führte, beeinträchtigte die Ölexporte beträchtlich. Die Bestellung von Rodríguez sollte auch ein Signal an die USA sein, die 14 Prozent ihrer Ölimporte aus Venezuela beziehen. Alí Rodríguez quittierte für die neue Aufgabe seinen Job als Generalsekretär der Opec, der in Wien ansässigen Organisation der erdölexportierenden Staaten.

Der studierte Wirtschaftswissenschafter Rodríguez war unter dem linkspopulistischen Chávez schon Energieminister, ehe er 2000 zur Opec wechselte. In dieser Zeit besuchte er Saddam Hussein im Irak und Muammar Gaddafi in Libyen. Seine bewegte Vergangenheit sieht man dem stets mit Anzug und Krawatte gekleideten Brillenträger nicht mehr an. Rodríguez ist ein früherer Guerillakämpfer, der in den Sechzigerjahren an Aufständen gegen die von den USA unterstützte Regierung von Romulo Betancourt teilgenommen hat.

Der langjährige Freund von Kubas Fidel Castro war einer der Letzten, der seine Waffen niederlegte. Nach dem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften arbeitete er als Anwalt und engagierte sich in den Siebzigerjahren in der linken Bewegung "La Causa Radical" ("Die radikale Sache"), die sich Mitte der Neunzigerjahre zur Partei "Patria Por Todos" ("Vaterland für alle") entwickelte und heute Teil der Koalition von Hugo Chávez ist.

Vierzig Jahre nach den Guerillakämpfen sieht sich Rodríguez mit einem Aufstand konfrontiert, der sich gegen die Regierung von Präsident Chávez richtet. "Bewaffnete Guerillaaktionen sind eine Form von Kampf, die ich hinter mir habe", sagt er. "Jetzt habe ich es mit einem Krieg zu tun, um die Demokratie zu erhalten." Die Streikenden sind für ihn "Saboteure, die die Regierung zu Fall bringen wollen". (DER STANDARD Print-Ausgabe, 3.1.2003)