Wäre es beim Präsidiumstreffen der SPÖ nur darum gegangen, Tempo für die weiteren Gespräche mit der ÖVP aufzunehmen, so hätten sich die roten Parteigranden den Weg in das niederösterreichische St. Aegyd am Neuwalde auch sparen können.

Denn die entsprechenden Botschaften hatten die Parteispitzen schon im Vorfeld der Veranstaltung an die Empfänger übermittelt, und sie unterschieden sich nicht wesentlich von den Vorleistungen, die der SPÖ von der ÖVP als unabdingbar für den Übergang zu tatsächlichen Koalitionsverhandlungen abverlangt werden: Die Definition der anstehenden Reformen ist die zentrale Forderung, die zwischen SPÖ und ÖVP im 24-Stunden-Takt hin- und hergeschoben wird. Natürlich gehört es zum rhetorischen Ballyhoo vor essenziellen Verhandlungen, dem Gesprächspartner gerade in den als wesentlich definierten Themenbereichen zunächst einmal Kompetenz und Kompromissfähigkeit abzusprechen, um möglichst viel von den eigenen Vorstellungen als Spielkapital einzubringen.

Aber über diese taktischen Kinkerlitzchen hinaus scheint die SPÖ in St. Aegyd zum Entschluss gekommen zu sein, bei möglichen Regierungsverhandlungen eine ähnlich harte Linie einzuschlagen wie die ÖVP 1999. Der Preis für eine große Koalition werde für die ÖVP hoch sein, hieß es am Rande der Veranstaltung, und die unverhohlen zur Schau getragene Sympathie der Landesparteichefs für den Verbleib in der Opposition erleichtert Parteichef Alfred Gusenbauer die Befestigung einer stringenten Verhandlungslinie ungemein.

Kernstück der sozialdemokratischen Forderungen bleibt sicherlich die Pensionsreform, bei der Gusenbauer mit einer Idee aufhorchen ließ, die sowohl den neoliberalen Wirt-schaftsflügel der ÖVP als auch ihre Beamtengewerkschaft in Aufregung versetzen muss: Gemeint ist ein Solidaritätsbeitrag, den die Bezieher höherer Pensionen zur Finanzierung eines Systems entrichten sollen, bei dem eine hundertprozentige Deckung allein durch Beitragszahlungen in allen Bereichen - also ASVG, Beamte, Bauern, Gewerbetreibende und Selbstständige - ohnehin Illusion bleiben wird. "Pensionsgerechtigkeit" nennt das Gusenbauer, "Populismus" der mächtige Vorsitzende der Beamtengewerkschaft, Fritz Neugebauer.

Zwischen diesen Polen wird vermutlich die Annäherung zweier Parteien versucht werden, deren Ausgangslage auch als direkte Folge der Wahl so unterschiedlich wie kaum einmal seit 1945 ist. Die SPÖ will sich in einer möglichen Regierung mit der ÖVP nicht nur programmatisch wiederfinden, sie braucht auch eine Plattform für die Darstellung ihres Beitrages, die ihr bei den nächsten Wahlen ein besseres Abschneiden garantiert als bei den letzten. Die Frage ist, wie weit die ÖVP ihr hier entgegenkommen wird, zumal Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ja auch schon der FPÖ beschieden hat, dass eine Regierung kein Sanatorium für sieche Parteien sei. Es ist nicht anzunehmen, dass er der SPÖ die Tür ins warme Krankenzimmer öffnen wird, während er die FPÖ in einer Frischluftkur der Genesung oder dem endgültigen Exitus entgegenzittern lässt.

Neben programmatischen Überlegungen dürften in der SPÖ auch simpel pragmatische gewälzt werden, die einen Regierungseintritt nahe legen und die sehr simpel mit dem Überlebensdrang der handelnden Personen zu tun haben: Eine Führungsdiskussion, die in der SPÖ in Phasen anhaltender Erfolglosigkeit schon aus guter Tradition auszubrechen pflegt, ist im weichen Polster der Macht und im Glanz der Repräsentationsmöglichkeiten einiger feiner Ministerämter doch recht unwahrscheinlich.

Wenn Gusenbauer die SPÖ in die Regierung führt und ihr die Voraussetzung für eine gute Performance schafft, hat er sich dieser Sorge zumindest bis zur nächsten Wahl entledigt. Und das dürfte ein mindestens so starkes Argument sein wie der Wunsch, die Handschrift seiner Partei im Regierungsprogramm wiederzufinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)