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"Das ist mein Tag." Mit diesen Worten verkündete Brigitte Boisselier vor versammelter Presse am 27. Dezember die Geburt des angeblich ersten Klonbabys der Welt: "Wir nennen sie Eve." Das Mädchen und seine 31-jährige amerikanische Mutter seien wohlauf, lehrte die strahlende Chefin der Firma Clonaid und "Bischöfin" der obskuren Raelianersekte der Welt das Fürchten.

Die Raelianer glauben, dass alles Leben auf der Erde vor 25.000 Jahren von Außerirdischen mithilfe von Gentechnik erschaffen worden ist und dass das Klonen ewiges Leben ermöglicht.

Zu Gesicht bekommen hat das jetzt angeblich geklonte Baby freilich zunächst niemand, der Geburtsort und die Identität seiner Eltern wurden geheim gehalten. Boisselier tat lediglich kund, das Kind werde bald in den USA eintreffen. Dort würde dann auch der wissenschaftliche Beweis angetreten werden, dass Eve eine exakte genetische Kopie sei, entstanden aus einem Stück Haut der Mutter, ließ die französische Biochemikerin wissen. Der Satz "Ich erschaffe Leben" kommt der Wissenschafterin dabei leicht über die Lippen.

Klonspezialistin ist Boisselier jedoch nicht. Sie promovierte 1982 in Dijon in Physikalischer Chemie und drei Jahre später im texanischen Houston in analytischer Chemie. Danach war sie zwölf Jahre für den französischen Chemiekonzern Air Liquide tätig, ihr Arbeitgeber beschrieb sie als "brillant".

Doch die Mitgliedschaft bei den Raelianern hat der 46-Jährigen, die stets glamourös mit perfektem Make-up und auf schwindelerregend hohen Absätzen auftritt, letztendlich den Job gekostet, nachdem sie sich 1997 in der Tageszeitung Le Monde für das Klonen von Menschen ausgesprochen hatte. Sie verklagte ihren ehemaligen Arbeitgeber wegen "religiöser Diskriminierung" und erhielt auch Schadenersatz zugesprochen.

Anschließend brach Boisselier sämtliche Brücken zu ihrem früheren Leben ab und zog mit ihrem Sohn Thomas in die Nähe von Montreal, wo die Raelianersekte ihren Sitz hat und wo bereits ihre 24-jährige Tochter Marina wohnte. Deren Bereitschaft, sich klonen zu lassen, kommentierte Boisselier kokett: "Ich fühle mich noch zu jung, um Großmutter zu werden." Ihre Jüngste, Iphigenie, blieb bei Boisseliers geschiedenem Mann, sie verlor den Sorgerechtsprozess.

Die aparte Wissenschafterin wurde bald zum medienwirksamen Aushängeschild der Sekte und deren Firma Clonaid. Daher war es auch sie - und nicht Sektengründer Claude Vorilhon -, die die Geburt von Eve bekannt gab. Und mit ihrem unauslöschlichen Lächeln den nächsten Tabubruch ankündigte: In einem "nordeuropäischen Land" soll kommende Woche wieder die kleine Kopie einer Frau zur Welt kommen. (Tina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. - 6. 1. 2003)