Gegen Ende kommender Woche wird in Ankara eine definitive Entscheidung über den Umfang der türkischen Beteiligung an einem möglichen Angriff auf den Irak fallen. Zu diesem Zeitpunkt wird der US-Generalstabschef Richard Myers in der Türkei erwartet, der Ankara im Rahmen einer letzten Rundreise in den Aufmarschgebieten rund um Irak besucht.

Nach Presseberichten wollen die USA neben mehreren Flughäfen auch Truppenstützpunkte für Bodentruppen entlang der irakischen Grenze einrichten, um von dort in den Irak einmarschieren zu können. Darüber hinaus will Washington in Diyarbakir, der größten kurdisch besiedelten Stadt der Türkei, für fünf Jahre eine größere Nachschubbasis für den Irak installieren. Laut Washington Post wäre es zwar auch möglich, Bodentruppen und Nachschub über Zypern in den Nordirak zu bringen. Das würde die Aktion allerdings erheblich komplizierter und teurer machen.

Stattdessen will die US-Armee gemeinsam mit türkischen Truppen und in Abstimmung mit den Kurden des Nordirak von der Türkei aus die Nordfront im Irak eröffnen. Zu diesem Zweck ist auf amerikanischen Druck hin bereits ein Koordinationsgremium etabliert worden, in dem einander US-Army, türkische Armee und Kurden ständig konsultieren sollen.

Nachdem der Chef der Patriotischen Union Kurdistan (PUK), Jalal Talabani, am 25. Dezember in Ankara war, wird Massoud Barzani, Chef der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und zweiter starker Mann im Nordirak, am kommenden Montag dort erwartet. Im Anschluss an den Besuch des israelischen Generalstabschefs Moshe Yaalon am 24. Dezember in der Türkei meldete die dem Mossad nahe stehende israelische Internetagentur "Debka-files", die USA hätten ein Papier vorbereitet, auf dessen Grundlage die Streitigkeiten zwischen der Türkei und den nordirakischen Kurden ausgeräumt werden sollen.

Kirkuk den Turkmenen

Danach schlagen die USA vor, die Kurden würden dem 2. und 3. türkischen Armeekorps (insgesamt 70.000 Mann) die Durchfahrt durch ihr Autonomiegebiet und die Besetzung von Kirkuk und Mossul gestatten. Im Gegenzug würde die Türkei das kurdische Autonomiegebiet "voll respektieren". Die Türkei könne dann von Kirkuk bis in den Zentralirak hinein ein turkmenisches Autonomiegebiet etablieren. Ein Teil der Ölgewinne aus Kirkuk müsse an die Kurden abgeführt werden. Die langfristige Sicherheit sowohl der kurdischen als auch der turkmenischen Autonomiezone werde von USA und Türkei garantiert.

Die Türkei hat mittlerweile ihre Truppen entlang der irakischen Grenze erheblich verstärkt, um "für jeden Fall gerüstet zu sein", wie der Generalstab erklärte. Auch amerikanisches Kriegsmaterial wird laut türkischer Friedensbewegung über den Mittelmeerhafen Mersin bereits angeliefert.

Die türkische Regierung hat bislang offiziell erklärt, sie wolle ihre Haltung zu einem Irak-Krieg erst nach einer neuerlichen Entscheidung des UN-Sicherheitsrates Ende Januar festlegen. Ministerpräsident Abdullah Gül bricht heute zu einer Rundreise nach Syrien, Jordanien, Ägypten, Saudi-Arabien und eventuell noch Iran auf, um eine gemeinsame Linie mit den anderen Irak-Anrainerstaaten zu diskutieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)