Zehntausende strömten am Freitag zur Plaza Bolívar, um an der "großen Schlacht" teilzunehmen. So hatte die Opposition die Kundgebung genannt, auf der erneut der Rücktritt von Präsident Hugo Chávez gefordert wurde. Chávez-Anhänger bezeichneten den Ort der Demonstration als Provokation. Nicht umsonst heißt diese Gegend bei den Bewohnern der Hauptstadt "heiße Ecke". Im April haben sich hier auf der Paseo los Próceres Sympathisanten des Präsidenten versammelt, um die Rückkehr von Chávez, der für 48 Stunden seines Amtes enthoben war, zu fordern. Es kam damals zu Ausschreitungen mit 19 Toten. Der Kundgebungsplatz liegt unmittelbar an Liegenschaften des Militärs.

Auch die Veranstalter, die Koordinationsstelle der Opposition, befürchtet eine mögliche Eskalation. Die Bewohner rund um den Platz haben sich gerüstet: "Wir werden uns verteidigen", meint Antonio Costas, ein Uhrmacher, der hier sein kleines Geschäft hat. Journalisten der venezolanischen Zeitungen, die von der Kundgebung berichteten, wurden mit kugelsicheren Westen ausgestattet. Auch der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), César Gaviria, bereitete sich darauf vor, an diesem Wochenende in Caracas zu bleiben, falls die Situation eskaliere.

Die Führer der Opposition heizten am Vorabend die Stimmung noch zusätzlich an. Gewerkschaftschef Carlos Ortega bezichtigte die Militärs der Feigheit, weil diese "nicht den Mut zu einem Aufstand" gegen Chávez hätten. Der wegen seines Engagements für die Opposition inhaftierte General Carlos Alfonso Martínez erklärte indes, dass es Streitkräfte gebe, die mit der Opposition sympathisierten.

Die Opposition rief außerdem die Bevölkerung zu zivilem Ungehorsam und einem Steuerboykott auf. Die Regierung drohte umgehend all jenen, die sich daran beteiligten, mit Haftstrafen. Chávez, dem seine Gegner eine "linke Diktatur" vorwerfen, bezeichnete die Streikenden erneut als "Antipatrioten" und "Faschisten".

Cola am Schwarzmarkt

Indes öffnen in der fünften Streikwoche kleinere Läden wieder. "Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich meinen Strom und meine Miete bezahlen kann", sagt Carlos Méndez, der in der Avenida Mexiko ein Schuhgeschäft betreibt. Aber die meisten Geschäfte sind noch immer geschlossen, auch die großen Einkaufszentren und Fastfoodrestaurants. In den kleinen Lebensmittelgeschäften klaffen zunehmend Lücken in den Regalen: Es gibt keine Milch mehr, Cola wird auf dem Schwarzmarkt gehandelt. In den Restaurants verteilen die Kellner zwar Menükarten, erklären dann aber bei der Aufnahme der Bestellung, dass es eigentlich nur wenige Gerichte zur Auswahl gebe. Auch die Versorgung mit Benzin wird immer prekärer.

An manchen Tankstellen stellen sich Autofahrer zwei Tage für eine Tankfüllung an. Viele lassen aber ihr Auto stehen, weil auf Tankstellen auf großen Schildern gewarnt wird: "Wir können nicht für die Qualität bürgen." Denn inzwischen wird alles gemischt: Diesel, bleifreies Benzin und Super. Da auch Gas knapp wird, verlegen immer mehr Bewohner ihre Küche ins Freie und kochen über offenem Feuer ihre Mahlzeiten. Vorbeikommenden wird angeboten, gleich mitzuessen. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)