Die Kulturhauptstadt macht entlang den Autobahnen auf sich aufmerksam: Die Grußbotschaft des Architekturbüros LOVE auf der A2 zwischen der Laßnitzhöhe und der Abfahrt Graz-Ost besteht aus drei Neoninstallationen. Das Eichhörnchen, das den Stadtpark bevölkert, wird in Graz gemeinhin Hansi gerufen.

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Morphoscope - Ein überdimensionales Daumenkino an der Autobahneinfahrt Graz Nord zeigt wie sich ein Bild von Ivica Osim in Nikolaus Harnoncourt "verwandelt".

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In Graz ankommen: Zum Beispiel am Flughafen, wo Flora Neuwirths Intervention "Loopy Doopy" die Reisenden durch farbige Kurven im Abflug/Ankunfts-Bereich passieren läßt.

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Oder der Grazer Hauptbahnhof: Er wird zu einem Illusionsraum in Schwarz Weiß Rot, gestaltet von Peter Kogler.

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Der Entschluss, einmal Kulturhauptstadt Europas werden zu wollen, fiel vor fast 15 Jahren. Drei Bewerbungen waren vonnöten. Zwischendurch glaubte man, mit dem Kulturmonat abgespeist worden zu sein, den man 1993 ausrichten durfte. Erst als Österreich EU-Mitglied war, bekam Graz den Auftrag für das ganze vor uns liegende Jahr. Die Chronologie eines mühsamen Weges mit Umwegen und Sackgassen bis zur Eröffnung am 9. Jänner.

Sicher, in den 70er-Jahren war einmal von der "heimlichen Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur" die Rede gewesen. Und nicht nur aufgrund der Dreiländer-Biennale trigon, die es heute nicht mehr gibt, und des steirischen herbstes, der damals noch ein Avantgardefestival war, hatte sich Graz zu einer kleinen Drehscheibe zu Südosteuropa entwickelt. Aber ob dies ausreicht, gleich Kulturhauptstadt Europas zu werden? Dennoch: Vor fast 15 Jahren, im Frühsommer 1988, hielt Clemens August Andreae, 1991 in Thailand ums Leben gekommener Ordinarius für Volkswirtschaft an der Innsbrucker Universität, auf Einladung von Erhard Busek, dem Wiener Vizebürgermeister, im Management Club einen Vortrag über Kultur und Wirtschaft. Und in diesem riet er Graz, weil er dem Städtetourismus einen Boom prophezeite, sich bei der EG, wie die Union noch hieß, um die Zuerkennung des Titels zu bewerben.

Warum er gerade Graz für würdig erachtete, begründete Andreae dahingehend, dass Wien – aus der Sicht von 1988 – ohnedies zusammen mit Budapest die Expo veranstalte. Dass Salzburg von Haus aus Kulturhauptstadt sei und von Besucherströmen geflutet werde. Und dass Innsbruck den Wintersport als Atout habe.

Helmut Strobl, der bürgerliche Grazer Kulturstadtrat, vernahm die Worte mit Erstaunen. Schließlich war Österreich noch kein Mitglied der Staatengemeinschaft. Und es waren bis dahin nur wirkliche Kulturhauptstädte zu einer solchen ernannt worden: Melina Mercouri, die griechische Kulturministerin, hatte Athen 1985 kurzerhand zu einer solchen ausgerufen. Es folgten Florenz 1986, Amsterdam 1987, Berlin 1988 und Paris 1989.

Aber Andreae soll gesagt haben: Probieren Sie es doch! Zurück in Graz, berichtete Strobl dem Stadtsenat, was ihm vorgeschlagen worden war. Und Alfred Edler (SP), für die Finanzen zuständig, war Feuer und Flamme. Denn man könne, wenn die Kulturhauptstadt Wirklichkeit werde, vom Land Steiermark wie vom Bund respektable Mittel für infrastrukturelle Maßnahmen lukrieren, auf die ansonsten nie eine Chance bestünde. Dass der Coup gelingen würde, daran glaubte aber – außer Strobl und Bürgermeister Alfred Stingl (SP) – niemand.

Auf Bitte der Stadt hin stellte Alois Mock, der Außenminister, einen Antrag an die EG. Erfolglos, weil man von der Idee, den Titel an eine Stadt außerhalb des gemeinsamen Wirtschaftsraumes zu vergeben, wieder abkam: Glasgow 1990, Dublin 1991, Madrid 1992 und ein zu Artwerpen umgetauftes Antwerpen 1993. Doch im Frühjahr 1990 ersannen die Kulturminister bei einer Konferenz die Minivariante für Städte außerhalb des Staatenbundes, den Kulturmonat: 1992 durfte Krakau ihn veranstalten. Und 1993 Graz. Irgendwie doch eine Ehre. Aber: "Es schien, als hätte man uns mit den Kulturmonat abspeisen wollen. Damals glaubten wir, das war es", sagt Strobl heute.

Graz als "großes Wohnzimmer"

Eine gute Performance hinlegen wollte man trotzdem. Auch wenn es praktisch kein Budget gab: Der Kulturstadtrat konnte bloß 0,9 Millionen Euro zusätzlich locker machen, um Graz sechs Wochen lang (von 24. April bis 6. Juni) als "bauliches Gesamtkunstwerk", als "animierenden Lebensraum", als "großes Wohnzimmer" zu präsentieren. Dementsprechend sah das Programm auch aus: Koordinator Mathis Huber, Intendant der styriarte, sammelte ab, was die einzelnen Veranstalter anzubieten hatten. Insgesamt war es trotzdem zu viel: Der Kalender, dessen Schrift die Zuhilfenahme einer Lupe erforderte, verzeichnete unkommentiert über 800 Veranstaltungen. Die Programmatik kam zu kurz, es gab Terminkollisionen, die Touristen verirrten sich nicht nach Graz, die Hotelbetten belegten die Künstler und Straßenclowns. Zudem rief die Ankündigung des Organisationsbüros, die Stadt werde durch das "größte Grazer Kultur-Ereignis des Jahrzehnts" für sechs Wochen "der Nabel der europäischen Kulturwelt" sein, nur ein mitleidiges Schmunzeln hervor.

Das Resümee war ein ernüchterndes, zumindest in den Medien: "Die Chance, sich inhaltlich neben den Kulturzentren Wien, Salzburg und (dem direkten Konkurrenten) Linz auf markante Weise zu positionieren, wurde vertan", schrieb Martin Behr in den Salzburger Nachrichten: "Wenn Graz etwas dringend braucht, dann Zugluft. Kein retrospektives Mammut-Programm, kein Schielen auf das Buch der Rekorde, kein unentwegtes Lorbeerkranz-Flechten für die alten Haudegen." Auch hätte das Konzept nicht vor Mut zum Risiko gestrotzt: "Was dem Kulturmonat insgesamt gefehlt hat, war Dynamik, war Herzblut, war ein Aufzeigen von Visionen, von Richtungen."

Weniger wäre mehr gewesen, lautete die gängige Meinung in der Kulturszene. "Eine Vielzahl von nebbichen Dingen hat die Sicht auf die spärlich gesäten guten Dinge verstellt", konstatierte Horst Gerhard Haberl. Der Intendant des steirischen herbstes, der es abgelehnt hatte, sein Festival aufgefettet zum Kulturmonat zu deklarieren, sprach von einem "Zuschütten der Qualität durch Quantität", einem in weiten Teilen sicht- und spürbar gewordenen "Überinszenierungsprozess".

Und der Medienkünstler Richard Kriesche, dessen Ausstellung Entgrenzte Grenzen Teil des Programms war, kritisierte die sichtbar gewordene Tendenz der "Kulturversorgung". Der Wunsch, es allen recht zu machen, habe bisweilen zu billigster Unterhaltung geführt. "Das hat weder Europa noch den Grazern, der Politik oder der Kunst genützt", so Kriesche.

Von Fehlern wollten die Stadtväter allerdings nicht viel wissen, auch wenn sie selbst eingestehen mussten, dass "für uns so manches nicht optimal gelaufen" ist: Stingl und Strobl rechneten auf ihrer Bilanzpressekonferenz mit den Kritikern ab, die den kulturpolitischen Aspekt außer Acht gelassen hätten. Gerade diesem aber habe der Auftrag gegolten. Exemplarisch nannten sie das Projekt Sarajewo, mit dem erste konkrete Schritte zum Wiederaufbau der nationalen Bibliothek gesetzt wurden, oder die alten und neuen Probleme des Nationalismus in Europa, die das Thema zweier Kongresse waren. Zum Vorwurf der Vielzahl von Veranstaltungen sagte Strobl nur, für ihn gebe es "kein Zuviel an Kultur". Die Idee des Kulturmonats solle nun jedes Jahr im Mai mit bestimmten Schwerpunkten ihre Fortsetzung finden.

Sie fand bekanntlich keine. Die Grazer Europa-Aktivitäten wurden in Brüssel dennoch positiv registriert. Und man machte Strobl Hoffnungen für die Zeit nach 1997. Denn bis dahin waren die Kulturhauptstädte bereits beschlossen worden: Lissabon 1994, Luxemburg 1995, Kopenhagen 1996 und Saloniki 1997.

Die österreichische Bundesregierung richtete erneut die Bitte an die Union. Doch Graz war wieder erfolglos. Obwohl man in Brüssel zu der Überzeugung gelangt war, künftig nicht mehr die Metropolen zu Kulturhauptstädten zu erklären, sondern Städte der zweiten Reihe. Aber der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, der die Bewerbung zu unterstützen versprochen hatte, konnte, was er nicht wusste, bei der Konferenz im November 1993 nur einen Antrag stellen. Und dieser galt Weimar 1999. Für 1998 wurde Stockholm auserkoren.

Dieser Kür stimmten Frankreich und Italien nur unter der Bedingung zu, dass im Jahr 2000 Städte ihrer Länder berücksichtigt werden: neben Prag als erster Kulturhauptstadt außerhalb der Staatengemeinschaft auch Avignon und Bologna. Später kamen, weil das Projekt eigentlich seinen pompösen Abschluss finden sollte, noch weitere hinzu: Bergen, Brüssel, Krakau. Helsinki, Reykjavik und Santiago de Compostela. Als zehnte hätte man wohl auch Graz durchgebracht. Doch Strobl verzichtete nach Rücksprache mit Stingl. "Eine goldrichtige Entscheidung", wie der Kulturstadtrat retrospektiv meint.

Graz setzte sich gegen St. Petersburg durch

Denn der Titel Kulturhauptstadt wurde nicht ad acta gelegt. Und im dritten Anlauf sollte es klappen. Auch ohne gemeinsame Bewerbung mit Dubrovnik als Veranstalter des Kulturmonats. Im Mai 1998 kamen die EU-Kulturminister samt Peter Wittmann (SP), damals Kunststaatssekretär Österreichs, überein, Rotterdam und Porto zu den Kulturhauptstädten des Jahres 2001 zu machen. 2002 sollten Brügge und Salamanca folgen, 2004 Lille und Genua. Für das Jahr 2003 hatten sich ebenfalls zwei Städte beworben, neben Graz auch St. Petersburg, das seine Gründung 1703 ins Treffen führte. Doch aufgrund der Nichtzugehörigkeit Russlands zur EU wurde der Konkurrent abgelehnt: Petersburg ließ man bloß den Kulturmonat veranstalten. Und Graz erhielt allein den Titel zugesprochen. Die St. Petersburger reagierten natürlich erbost. Denn wer oder was ist schon Graz? Bitterböse Briefe schrieben sie, aber Stingl konnte alle Vorwürfe entkräften – und St. Petersburg, das 2003 den Kulturmonat ausrichtet, schließlich zu einer weitreichenden Kooperation bewegen.

Währenddessen fragte Strobl sich und andere, wer in der Lage sein könnte, das Programm zu entwickeln. Der Idealkandidat müsse einen Überblick über das internationale Geschehen und exzellente Kenntnisse über die heimische Szene haben, dürfe aber mit dieser nicht zu sehr "verhabert" sein. Gerhard Melzer, Leiter des Franz-Nabl-Instituts, brachte Wolfgang Lorenz ins Spiel. Strobl rief sogleich den gebürtigen Grazer, der unter Gert Bacher beim ORF Karriere gemacht und von 1988 bis 1991 das Landesstudio Steiermark geleitet hatte, an. Und Lorenz, seit 1995 Leiter der Hauptabteilung Kultur in Wien, bekundete spontan Interesse.

Bereits Mitte Juli wurde Strobls Vorschlag im Stadtsenat mit großer Mehrheit (bloß der kommunistische Stadtrat Ernst Kaltenegger stimmte dagegen) angenommen: Lorenz wurde ab August zunächst für ein Jahr zum nebenberuflichen Intendanten bestellt. Und er versprach ein ausgereiftes Konzept, "das sich nicht auf flockige, programmphilosophische Ideen beschränkt, sondern ganz sicher auch Machbarkeit, logistische Details sowie die Nachhaltigkeit der Vorhaben" beinhalte.

Sechs Monate später, im Jänner 1999, präsentierte Lorenz, nun zum Leiter der ORF-Hauptabteilung Planung und Koordination bestellt, dem Gemeinderat sein rund 100 Seiten umfassendes "Basiskonzept", das ein paar Weisheiten, die einer Drohung gleichkamen ("2003 lässt sich nicht verschieben"), beinhaltete und "Im Namen der Windrose" hieß. Lorenz wollte diesen zwar positiv interpretiert wissen. Doch eine Windrose ziert auch das Logo der Nato, die damals Serbien bombardierte. Den Slogan zog Lorenz daher schnell wieder zurück. Seine Überlegungen aber wurden gut geheißen: Man bot ihm eine Verlängerung des Vertrages um eineinhalb Jahre an.

Der Intendant, der nur die Wochenenden in Graz verbrachte, richtete zwar einen Programmbeirat (mit vielen Vertrauten wie Gerhard Melzer oder Peter Oswald, den designierten Intendanten des steirischen herbstes) ein und forderte die Szene auf, Vorschläge zu machen. Doch bezüglich seines persönlichen Engagements hielt er sich zurück. Schließlich hatte er von Beginn an gefordert, bis 2003 ein Kunsthaus gestellt zu bekommen.

Streit um ein Kunsthaus

Hier ist nun ein Exkurs notwendig: Seit 1985 wollte Landeshauptmann Josef Krainer (VP) – auf Anregung des Künstlers und manuskripte-Mitherausgebers Günther Waldorf – im Pfauengarten, einem als Parkplatz genutzten Areal, ein Kunsthaus errichten lassen, das dereinst trigon-Museum heißen sollte. Doch sein Gegenspieler und Stellvertreter Peter Schachner-Blazizek (SP) verweigerte dem "Krainer-Mausoleum", wie er es nannte, seine Zustimmung. Als er dann ab 1995 selbst für die Kulturpolitik zuständig war, wollte er zwar doch ein solches Haus, aber anderswo: Schachner setzte sich über ein Gutachten hinweg, das den Pfauengarten als geeignetsten Standort auswies, und kaprizierte sich auf das Herzstück der Altstadt, den Schlossbergplatz gleich neben der Neuen Galerie. Gegen dieses Vorhaben sprach sich nun die Volkspartei aus.

Schachner musste daher einen Pakt mit den Freiheitlichen eingehen: Der Wettbewerb wurde 1997 ausgelobt. Und endete mit einem Desaster, weil das von der Jury erstgereihte Projekt auf ziemlich einhellige Ablehnung stieß. Selbst Peter Weibel, der als Chefkurator der Neuen Galerie Schachner zum hoch sensiblen Standort geraten hatte, sprach sich vehement gegen den "Käsewürfel" von Jürg Weber aus – und präsentierte im Mai 1998 einen radikalen Vorschlag des britischen Stararchitekten Peter Cook. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Standort politisch bereits tot: Die Freiheitlichen hatten begonnen, das Volk zu mobilisieren. Und 84,3 Prozent der Grazer stimmten bei einer Befragung im Oktober gegen den Schlossbergplatz, worauf sich Schachner schmollend zurückzog. Nun war es an der Stadt, ein Kunsthaus zu realisieren. Und sie entschied sich für einen neuen Standort, das Eiserne Haus samt den umliegenden Grundstücken am rechten Murufer. Die Wahl schien wohlbegründet: Einerseits war das Gebiet ziemlich heruntergekommen. Andererseits gab es keine derart rigiden Denkmalschutzauflagen wie in der Altstadt, die im Dezember 1999 zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte.

"Leckere" Geldsummen

Lorenz hätte zwar ein den Fluss überspannendes Kunsthaus lieber gesehen. Aber er fand auch das Eiserne Haus okay. Und als die Stadt im August 1999 die Liegenschaften erwarb, wollte er sich nicht mehr "zieren wie eine Madonna" – und unterschrieb den bis April 2001 laufenden Vertrag. Zumal das Budget – je 250 Millionen Schilling von der Stadt Graz, dem Land Steiermark und dem Bund, zusammen eine "leckere Summe" – den Vorstellungen entsprechend ausfallen werde und sich seine Rezeptur für die Kulturhauptstadt als richtig erweisen würde: Der Programmbeirat verfügte bereits über 180 Projektideen.

Eine von diesen hatte es Lorenz ganz besonders angetan: eine Insel aus Stahl und Glas des US-Künstlers Vito Acconci als verbindendes Element zwischen den beiden durch die Mur getrennten Stadtteilen. Sie sei "ein so großes Brötchen, wie wir es eigentlich backen wollen", sagte Lorenz bei der Erstpräsentation der "Piazza für ein neues Millennium", die angeblich eigens für Graz kreiert worden sei. Das Modell der muschelförmigen,

zur Hälfte überdachten Insel sah als Zu-und Abgänge gebogene Röhren vor – unter der Wasseroberfläche. Doch die Mur führt fast nie einen derart hohen Wasserstand, dass sich das Projekt mit den "Tubes" hätte umsetzen lassen. Lorenz hielt an der künstlichen Insel, die 5,1 Millionen Euro kosten würde, dennoch fest. Eine Adaption auf Grazer Verhältnisse – "Redesign" genannt – tat daher Not. Aber diese folgte erst im Jahr 2000.

Im Herbst 1999 lobte die Stadt den Kunsthaus-Wettbewerb aus. Und Lorenz stellte sein erstes Programmbuch mit rund 100 Projektskizzen vor. Unter diesen befanden sich auch etliche Ausstellungen wie Wunderkammer Europas, Homo ludens, Sammlung Dichand oder eine internationale Schau "zur zeitgenössischen Kunst, die so aktuell sein soll, dass sich eine Beschreibung aus dem Jahr 1999 heraus schlicht verbietet". Sie wurden im Endeffekt nicht realisiert. Wie so manch anderes Projekt auch: Fallen ließ Lorenz beispielsweise das Lasersignal Satscraper, den Themenpark Literatur, die Reihe der Kulturfeste und die Gründung eines Forschungszentrums für Menschenrechte und Demokratie.

Weil sich die Vorhaben zum Teil als zu teuer herausstellten, oder weil sie, wie Lorenz meinte, gegen "bessere" Ideen ausgetauscht wurden: Graz 2003 sei ein Work in Progress. "Es wäre ja auch ziemlich fantasielos, wenn man die Chance, klüger zu werden, nicht nützen würde." Die eine oder andere "Schnapsidee" hätte ihm zudem der Programmbeirat ausgetrieben: "Insofern haben wir uns ein bisschen verändert, was Details betrifft. Von der Grundhaltung her aber nicht." Auch konnte Lorenz mitunter nur Anregungen liefern – und die wurden eben nicht immer aufgegriffen: Der Autobahnknoten Webling blieb "ein Manifest zivilisatorischer Hoffnungslosigkeit", die Plattform für neue Medien fiel den Baukosten des Kunsthauses zum Opfer.

Die Entscheidung zugunsten des raffinierten Projekts von Peter Cook und Colin Fournier – eine scheinbar schwebende Blase mit einer blauen Haut aus Acryl – wurde im April 2000 gefällt. Und verblüffenderweise durchwegs positiv aufgenommen. Lorenz und sein Arbeitskreis arbeiteten unterdessen an den Projektskizzen. Ein stilles Jahr für die Kulturhauptstadt, könnte man meinen. Doch es kam anders: Graz 2003 kam in die Krise.

Eskalierende Konflikte

Im Jänner hatte Gerbert Schwaighofer, bis dahin Verwaltungsdirektor des Linzer Landestheaters, seinen Job als Geschäftsführer der neu gegründeten Organisationsgesellschaft aufgenommen. Er war der deklarierte Wunschkandidat von Lorenz gewesen, der sich im Herbst 1999 nicht an die Reihung des Dreiervorschlags – mit Eberhard Schrempf, dem technischen Direktor des steirischen herbstes, als Erstplatzierten – gehalten hatte: Aber schon bald bereute Lorenz seine Entscheidung.

Der Konflikt mit Schwaighofer eskalierte rund um das Corporate Design, das DMC im Jahr zuvor mehr oder weniger im Direktauftrag des Intendanten entwickelt hatte. Lorenz kannte die von Neville Brody gegründete Agentur ausgesprochen gut: Zusammen zeichneten sie Anfang der 90er-Jahre für das Redesign des ORF verantwortlich.

Und nun bestand der "Rangler und Raufer" darauf, dass DMC auch zum Wettbewerb bezüglich der Werbestrategie eingeladen werde. Aber Schwaighofer sträubte sich. Weil er für das Corporate Design samt Logo fünf Millionen Schilling hätte zahlen sollen, eine Summe, die ihm viel zu hoch erschien. Nur in zähen Verhandlungen sei es ihm gelungen, das Honorar auf 2,5 Millionen zu drücken – gegen den Widerstand von Lorenz, der DMC den Rücken gestärkt habe. Dabei sei er, Schwaighofer, für das Marketing verantwortlich. Und nicht Lorenz.

Schon nach einem halben Jahr wurde es dem für seine markigen Sprüche bekannten Intendanten zu bunt: In einem neunseitigen Brief informierte er den Bürgermeister, dass "eine Fortsetzung meiner Tätigkeit auf der derzeitigen Basis unmöglich" sei. Schwaighofer habe "nie verstanden, wovon ich rede – und er wird es nie verstehen, uns trennen Welten".

Gegenüber dem STANDARD drückte sich Lorenz damals weit drastischer aus. Was zur Folge hatte, dass Schwaighofer ihn klagte. Aber mit seiner Er-oder-ich-Taktik war dem Intendanten Erfolg beschieden. Auch deshalb, weil er über seine VP-Verbindungen erfahren hatte, dass Schwaighofer Gespräche über die kaufmännische Leitung der Salzburger Festspiele führte, und diese Illoyalität öffentlich geißelte. Die Stadtväter beschlossen daher im September, sich von Schwaighofer zu trennen, und zahlten ihn notgedrungen aus.

Überflüssige Hearings

Die Leitung der GmbH wurde daraufhin erneut ausgeschrieben, und Lorenz besetzte nach seinen Wünschen. Das Hearing dürfte eher überflüssig gewesen sein. Mit Jänner 2001 übernahmen Manfred Gaulhofer (Finanzen, Organisation) und Eberhard Schrempf (Produktion, Programmgestaltung und stellvertretender Intendant) die Geschäftsführung.

Sie hatten, weil es zu erheblichen Verzögerungen gekommen war, alle Hände voll zu tun und eine ziemlich undankbare Aufgabe vor sich. Schließlich waren mittlerweile 350 Projekte eingereicht worden. Und nur rund 70 wollte Lorenz weiterverfolgen, was eine Flut von Absagebriefen bedeutete. Dementsprechend erhitzt war die Stimmung in der Grazer Kulturszene. Manche, wie Peter Weibel, Emil Breisach und Alfred Kolleritsch, machten sich gehörig Luft.

Lorenz aber konterte geschickt: "Das wäre mir zu eng gewesen: Alles, was in Graz und um Graz herum in Sachen Kultur schon da ist, verpflichtend in das Programm zu integrieren. Natürlich muss man wissen, wo man ist. Aber nur mit dem Ort zu arbeiten – und Europa auszusperren: Das ist eine Anmutung, die mir nicht gefällt. Ich habe mir erlaubt, auch Europa einzubeziehen, denn sonst wäre Graz bestenfalls die Kulturhauptstadt Österreichs – und nicht Europas. Und das ist ein ziemlicher Unterschied."

Bei der Graz-2003-Präsentation im April 2001 wurde zwar noch eifrig geätzt. Schließlich hatte Lorenz das Landesstudio, seine ehemalige Wirkungsstätte, anmieten lassen. Die Gäste wurden nach Wichtigkeit platziert, und Karin Resetarits, die Lieblingsmoderatorin des Ex-ORF-Kulturchefs, führte durch die Show. Aber das Programmbuch 2, ursprünglich für Oktober 2000 angekündigt, überzeugte. Und der Slogan der Imagekampagne impfte ein neues Selbstbewusstsein ein: "Graz. Wer hätte das gedacht."

Der Vertrag von Lorenz wurde bis über das Jahr 2003 hinaus verlängert. Der Widerstand brach in sich zusammen: Die einen resignierten, die anderen entdeckten, dass etwas weiterging in Graz. Nach den Plänen von Klaus Kada wurde die Stadthalle mit einem atemberaubend weit auskragenden Vordach realisiert. Der Bund beteiligte sich nun definitiv an den Baukosten für das Kunsthaus, dessen Fertigstellung mit Herbst 2003 immer konkreter erschien. Zudem ließ die Stadt nicht nur den Hauptplatz neu gestalten, sondern begann auch, das ehemalige Kulturhaus in ein Literaturhaus umzubauen.

Stimmungsdämpfer

Die positive Stimmung erhielt auch keinen gravierenden Dämpfer, als der Bund im Oktober 2001 bekannt gab, seine Subvention für die Kulturhauptstadt von einst zugesicherten 18,17 Millionen Euro um 25 Prozent zu kürzen. Nicht einmal Lorenz spielte Rumpelstilzchen: Er nahm die Tatsache zur Kenntnis. Und die Kunst im öffentlichen Raum gewann zunehmend an Bedeutung: Flora Neuwirth entwarf ein Farbkonzept für den Flughafen, Peter Kogler tapezierte die Halle des frisch renovierten Hauptbahnhofes mit seinen computergenerierten Wülsten. Unmittelbar hinter dem Uhrturm, dem Wahrzeichen der Stadt, erhebt sich jetzt eine bedrohliche Kopie aus schwarz lackiertem Aluminium von Markus Wilfling, in der Mur schwimmt die Insel von Vito Acconci, beim Eisernen Tor führt ein Lift, der Marienlift von Richard Kriesche, zur Madonna auf der Pestsäule. An den Autobahnen weisen riesige Installationen auf die Kulturstadt hin, und am Stadtrand entstand über Vermittlung von Schrempf in Rekordzeit die List-Halle, in der in Zukunft die Produktionen des steirischen herbstes und der styriarte zu sehen sein werden.

Nach wie vor ist für Lorenz die Nachhaltigkeit das zentrale Anliegen: "Graz 2003 ist geglückt, wenn die Stadt, die in den letzten zehn, zwanzig Jahren einen Durchhänger hatte, wieder an sich glaubt. Mich interessiert die Frage, ob man die Gesellschaft durch Kultur oder auch expressis verbis durch Kunst verändern kann, ungemein. Ich glaube, dass das gelingt. Und das muss auch gelingen! Denn sonst hätte Graz 2003 nicht wirklich einen Sinn gehabt. Für mich endet daher Graz 2003 keineswegs am 30. November 2003. Sondern nie. Hoffentlich." (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)