Zu den erfreulichsten Ereignissen der letzten Jahre gehört die Wiederentdeckung des großen Schriftstellers Gerhard Amanshauser, des Salzburger Kosmopoliten, des so gänzlich ehrgeizlosen Bohemiens und Schöpfers wohlgefügt anarchistischer Prosa. Rechtzeitig zum 75. Geburtstag bringt nun der Residenz Verlag das Lesebuch Entlarvung der flüchtig skizzierten Herren heraus, dessen Auswahl, von Amanshauser selbst mitverantwortet, einen hervorragenden Überblick über sein Gesamtwerk bietet. Wer immer sich mit österreichischer Literatur beschäftigt, hat nun wirklich keine Ausrede mehr, diesen Autor zu übergehen.

Und wieder bietet sich reichlich Anlass, den Meister der kleinen und kleinsten Form zu bewundern: "Wie man nämlich schon vorher weiß, dass eine Reise nach Salzburg lohnend ist, so weiß man auch, dass sie sich nachher gelohnt haben wird." Dieser Satz steht bereits in der Einleitung, und solch knapper Nuancenreichtum wird der deutschen Grammatik wahrlich nicht oft abgetrotzt.

Und das ist nur einer der Gründe, warum Amanshauser im Österreich der Nachkriegszeit übersehen werden musste: Er polemisierte nicht, sondern belachte, er mied jede Art öffentlicher Werbung für sich selbst, und seine Vorbilder entstammten nicht heimatlicher Enge, sondern der großen Welt: "Erfahrungen mit chinesischer Literatur" heißt darum auch einer der zentralen Aufsätze des Buches.

In einem anderen Text verspottet Amanshauser die oft nur allzu billige Rede von der in der Literatur einzig und allein wichtigen Sprache, welche dem universalen Skeptiker bereits wieder als etwas allzu Spießiges erscheinen muss: "Manche Schriftsteller glauben, in den Goldadern und Schächten der Sprache zu schuften und Riesenschätze anzusammeln. Das sind die Geizkrägen und Wortkapitalisten. Eher gelangt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als diese Wortschätze in die Zukunft. (...) Daher auch das Knarrende, in den Fugen Knackende aller Tiraden, die sich auf die Sprache berufen."

Inmitten einer oft provinziellen literarischen Kultur zwischen wohlfeilem politischem Engagement und altbackenem Experimentalismus hielt Amanshauser die Werte der Klassischen Moderne hoch: die Offenheit, die Perfektion, das Spiel. Nicht umsonst bilden Zirkusmotive in seinem Werk einen wiederkehrenden roten Faden. "Welcher Genuß", lässt er einen Zauberer ausrufen, "die Dinge verschwinden zu lassen, ihren Eigensinn zu beseitigen!"

Auch Amanshausers Literatur, und das macht ihre Faszination aus, ist ein Erzählen ohne Eigensinn, ohne Anspannung, auch ohne die konzentrierte Anstrengung, die für Texte größeren Umfangs unabdingbar ist; das Schreiben selbst ist ihm, so lässt Amanshauser den Leser immer wieder fühlen, eine erfreuliche, aber keinesfalls zu überschätzende Nebensache.

Auf dem Umschlag prangt ein Zitat, in dem Thomas Bernhard sich darüber beschwert, dass einst alle von ihm erstrebten Preise an Gerhard Amanshauser gegangen seien. Ausgesprochen von einem Autor, der die Konjunkturen des literarischen Marktes so genau zu studieren pflegte wie Amanshauser seine chinesischen Wörterbücher, ist das eine amüsante Würdigung.

Bei der Lektüre dieser Sammlung jedoch drängt sich, im nahe liegenden Vergleich der Amanshauserschen Leichtigkeit mit Bernhards letztlich in die Erstarrung führender Verbissenheit, ein anderer, fast schon ketzerischer Gedanke auf. Jener nämlich, dass die Preisrichter womöglich Recht hatten. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)