Geografisch ist Südtirol ja nicht so weit weg, aber wenn man die Schwarz-Weiß-Fotografien im Band "Das andere Südtirol" (Tappeiner Verlag, Lana bei Meran 2002) betrachtet, kommen einem die Menschen und ihre Bräuche doch recht exotisch vor. Wolfgang Pfaundler, der nach 37 Jahren erst 1998 wieder nach Südtirol einreisen konnte, hat das Land denn auch mit neuen Augen gesehen und fotografiert. Pfaundler, in der Kulturgeschichte des Landes vielseitig bewandert, Redakteur der bedeutenden Tiroler Kulturzeitschrift Das Fenster, hatte 1945 die gleich gesinnten Widerstandskämpfer Fritz Molden und Karl Gruber kennen gelernt und sich in den folgenden Jahrzehnten immer als Aktivist für Südtirol, aber gegen jeden Nationalismus eingesetzt. Das bewahrte ihn freilich nicht davor, im Mailänder Prozess zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Die Bilder einer späten Rückkehr entbehren nicht einer gewissen Nostalgie. Knorrige Bauern, Umzüge, Friedhöfe, Viehmärkte, Aufschriften, einsame Gehöfte und festliche Menschenansammlungen, wenig Natur und viel Kulturgeschichte machen hier wahrhaftig ein ganz anderes Südtirol aus als das behübschte Fremdenverkehrsland. (Ingeborg Sperl/ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)