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Foto: Archiv

Es muss nicht immer große Literatur sein. Manche Leute lesen ja auch gerne zur bloßen Unterhaltung; nur eins: sie wollen sich nicht für die Lektüre genieren. Also sie soll nicht ausgesprochen dumm sein, dafür aber umso mehr zum Lachen oder Schmunzeln, zum angenehmen Zeitvertreib.

In diesem Fall ist sie sogar intelligent witzig, ein Salonstück sozusagen, ein innerer Monolog der frivolen Verzweiflung: des Autors Fantasien, wie er seine Geliebte noch einmal betören könnte. Er ist heillos überfordert vom Ultimatum Rositas, er müsse seine Frau Carmina endgültig verlassen. Denn er weiß auch, dass, wenn er die Forderung erfüllt, er Rosita ebenfalls verlieren wird. Die Macht über den anderen als Grundstruktur dieses erotischen (eingebildeten?) Spiels: Dieses Spiel geht also in die Endphase. Aber noch einmal möchte er der begehrte Held sein, über den Zugzwang hinwegturnen. Und da kommt der Vortrag gelegen, den zu halten er eingeladen wurde. Er sieht sich schon als unwiderstehlicher Redner am Pult; diese Rolle wird dem Autor die Autorität zurückerstatten, der sich die Geliebte schmachtend unterwerfen wird.

Unter solchen Tagträumen verrinnen die Stunden, die eigentlich für den Vortrag genützt werden sollten. Worüber überhaupt reden? Wieder einmal, zum soundsovielten Mal über 'Die mythische Struktur des Helden in der Literatur'? Oder sich über die Analogien zwischen Schriftsteller und Spion wagen? Betrachten und Aushorchen waren ja schon immer seine liebsten "Beschäftigungen" - das heißt Passivität!

Heldentum und Passivität: ein Widerspruch in sich, zumindest innerhalb einer Erwartungstypologie, die es ja nicht nur im Leben, sondern auch in der Literatur gibt.

Insofern treibt Enrique Vila-Matas hier ein doppeltes Spiel, und das ist reizvoll und intelligent. Indem es aber bloß Spiel bleibt - uns wohl anregt, aber zugleich teilnahmslos lässt; es geht ja um nichts, nicht einmal um den Einsatz von Spielgeld - vergessen wir den Inhalt so schnell, wie wir ihn gelesen haben. Fast schade um das Thema. Andererseits: Vielleicht gibt das intellektuell Halbseidene den wahren Kick, und vielleicht nicht nur auf Bahnfahrten; vielleicht gibt es ja solche Leser. Was heißt vielleicht - sicher! (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5./6.1.2003)