"Schaffe, schaffe, Körper baue."
Die körperliche Ausrüstung vieler Menschen - über 80 Prozent davon sind Frauen - erfährt eine zunehmende Aufrüstung: Neben operativen Eingriffen an lebenserhaltenden Teilen des Körpers wird die plastische/kosmetische Chirurgie immer mehr ein integraler Bestandteil der Medizin.

Zahlen und Fakten

Mehr als achtzig Prozent der deutschen Frauen unter dreißig würden sich einem kosmetischen Eingriff unterziehen, jährlich sind es laut der Deutschen Vereinigung Plastischer Chirurgen knapp 150.000, die sich die Operationen leisten können. Nach Angaben von "plastic surgery today" haben im Jahr 2002 7,5 Millionen AmerikanerInnen an sich basteln lassen, aber auch in China wird ein verstärkter Trend zur kosmetischen Chirurgie verzeichnet. Der Rubel rollt da und dort: "Kleinere" Maßnahmen kosten zwischen 360 € (meiste fettere Lippen) und 5000 € (meist kleinere Nase), für andere (meist prallere) Brüste legt frau bis zu 6800 € ab, Fettabsaugen gibt es ab 2500 €, und Hautbearbeitungen kommen auf bis zu 6000 €.

Baustellen

Woran gesägt, gespritzt, geschnitten, gemeißelt und gesaugt wird, ist regional unterschiedlich: In den westlichen Industrienationen führen Fettabsaugungen an Bauch, Schenkel und Hintern das Ranking vor Nasen- und Brust-OPs an, Face-Liftings sind sowieso ein Evergreen, während in China die Augenlid- vor der Nasenkorrektur am meisten gefragt ist. In Thailand bietet die Regierung ab Februar eine Alternative zum operativen "body shaping" an: Tanzunterricht zur Stärkung der weiblichen Brust. Denn thailändische Frauen würden vermehrt unter dem Eindruck leiden, den Ansprüchen in Sachen Brustgröße nicht zu entsprechen. Dem muss abgeholfen werden, so die Sprecherin der Abteilung für traditionelle Medizin des Gesundheitsministeriums.

Ansonsten geht es aber viel härter zur Sache "Schönheit". Eine mittelalterliche Foltermethode, das Strecken von Gliedmaßen, ist in das Repertoire der plastischen/kosmetischen Chirurgie ebenso aufgenommen worden wie das Spritzen des Nervengifts "Botox", das verwendet wird, damit das Gesicht "schön" glatt bleibt/wird. Das Resultat einer solchen Behandlung sieht eher nach Mumifizierung und Starrheit statt Straffheit und Leben aus. Und es bleibt oft nicht bei nur einer Behandlung. So hat frau, wenn sie sich für so etwas wie eine Brustverstärkung entschieden hat, auch automatisch ein Abonnement bei der Operateurin. Und: Das Phänomen der Dysmorphophobie, der ständigen Unzufriedenheit mit der eigenen Hardware, der marginalisierenden und verzerrten Selbstwahrnehmung, ist bei KundInnen von "Schönheit" aus der Retorte auch nicht selten.

"Ausmerzung des Besonderen"

Veränderung ist das moderne Prinzip des Operations-Trend, sie passiert zielgerichtet, das Endziel heißt "Schönheit", die als universell und objektiv angenommen wird. Fantastisch! Einfach!
Warum sich dem unterwerfen? Weil es nicht als Unterwerfung empfunden wird? Weil die Substantia Mortale "selbst" (durch die Hände der ChirurgInnen...) zu gestalten, als neue Möglichkeit empfunden wird, als wäre sie das Gegenteil von Kontrolle von außen.

MarketingspezialistInnen begründen es mit dem Wollen nach bestmöglichem Bestehen und Abschneiden am "Beziehungsmarkt". Sie haben damit wohl recht. Viele Frauen denken, Männer denken, sie können nur eine schöne Frau (besitzen) wollen und stellen somit ihre Annahme vom Wollen des Mannes als bestimmende Idee vom Selbst voran. Mittlerweile lässt sich diese Annahme auch auf Männer ausweiten. Naomi Wolf konstatiert in ihrem Buch "Mythos Schönheit" eben diesem, sie sei statisch, zeitlos und generisch, eine kollektive Halluzination, ein Mythos eben, und insofern ein Widerpart der Veränderung im Sinne einer individuellen Entwicklung. "Idole" und "Ikonen", die oft via Medien bei uns daheim abhängen, sind oft Matrizen und Medien, die als Antipoden zum Selbst in der Verarbeitung der Wahrnehmung installiert sind; der Wunsch, den Ansprüchen, die dieses Spannungsfeld evoziert, zu genügen, manifestiert den Mechanismus sozialer Kontrolle (und Unterwerfung), die heute - wenn auch noch im Ansatz - eine wechselwirksame ist zwischen den potenziellen PartnerInnen, aber, wie die Zahlen zeigen, grundsätzlich eine Kontrolle der Frau ist.

Reich und schön

Kommunikationswissenschafter Norbert Bolz schlägt, wenn auch nicht aus feministischer Perspektive, in dieselbe Kerbe: von kollektiver Gegenstrategie zum kreatürlichem Ich und dessen Vergänglichkeit spricht er, die den Tribut der "Ausmerzung des Besonderen" fordert, was im allgemeinen nicht als Verlust gesehen wird. Nicht in diesen Belangen. Das Besondere kauft mensch sich dann eben an den Leib, in das Haus, in den Kopf. Nicht, dass die Idee einer "World as One", geprägt von einer universellen Gemeinsamkeit eine schlimme ist - aber die ist auch nur eine Idee von einigen für alle. Vielleicht wäre die Angleichung des Äußeren der erste Schritt dorthin, weil auch die Faschismen wegen der Unterschiede im Äußeren wegfallen könnten. Aber die gesellschaftlichen Realitäten sind doch komplexer, und vom Geld bestimmt. Die Menge davon bestimmt über die Flexibilität in mittlerweile fast allen Bereichen, und mache sind dann sehr flexibel, die meisten aber nicht. Baba, "World as One", hallo "Brave New World".

Keine "Schnittstelle" sein

Die Entwicklung in Richtung Massenabfertigung zum Zweck der "Schönheit" hat mehr von einer Distopie als von einer Utopie. Das könnten die "Opfer" der kosmetischen Chirurgie sicher bestätigen. Und vielleicht auch andere, deren neues Aussehen nicht die Veränderung gebracht hat, die sie sich erträumt haben, ausser ein schmäleres Geldbörsel. Für die, die dem selbstzerfleischenden Drang nach Schönheit aus der Retorte nicht anheim fallen wollen, ist es sicher nicht ungeschickt, ein selektives Mediennutzungsverhalten zu entwickeln. Ansonsten: Unzufrieden sin'mer alle mal mit uns, warum auch immer. Aber wie sagt schon Lisa Simpson: "Look on the bright side, [...]. Did you know that the Chinese use the same word for 'crisis' as they do for 'opportunity'?" Vielleicht sollten wir einfach öfter mal chinesisch sprechen. (bto)