Amsterdam - Niederländische Forscher stehen nach einem Bericht der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Untersuchungsberichtes, der endgültig Klarheit in das Jahrzehnte alte Mysterium um den Verrat an dem jüdischen Mädchen Anne Frank und ihrer Familie 1944 bringen soll. Demnach soll nicht der bisher allgemein als Verräter geltende Arbeiter aus dem Nachbarhaus der Franks im Amsterdam, Willem van Maaren, die Gestapo über deren Versteck informiert haben, sondern ein Mitarbeiter von Anne Franks Vater, Anton "Tonny" Ahlers.

Der "Corriere della Sera" zitierte den Verantwortlichen für die Untersuchung des Niederländischen "Nationalen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD)", David Barnouw, der einen Abschlussbericht für die "nächsten Wochen" ankündigt. Barnouw will offiziell noch kein Ergebnis nennen, bestätigt aber, "das wir viel über Tonny Ahlers herausgefunden haben". Nur noch ein Gespräch mit dessen noch lebendem Sohn stehe noch aus. Warum es nicht früher geführt worden sei: "Weil wir wissen, was er sagen wird: 'Ich bin sicher, dass mein Vater die Familie Frank verraten hat und ich schäme mich dafür.' Ahlers' Bruder sagt sogar, dass dieser ihm bestätigt habe, selbst die Gestapo angerufen zu haben."

1942

Die Familie Frank war in einem Hinterhaus in Amsterdam von 1942 bis 1945 untergetaucht und nach dem Verrat ins Konzentrationslager deportiert worden. Die 15jährige Anne Frank starb im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Ihr Vater Otto, der den Holocaust überlebte, veröffentlichte ihr Tagebuch, das in über 50 Sprachen übersetzt wurde und in einer Auflage von 25 Millionen Exemplaren erschien. Otto Frank starb 1980 im Alter von 80 Jahren, Ahlers 83jährig im Jahr 2000.

Bisher hatte das NIOD stets die Ansicht vertreten, dass niemand des Verrats an den Franks überführt worden sei. Im vergangenen Jahr hatte die britische Historikerin Carol Ann Lee in ihrer Biografie über Otto Frank die These vertreten, Ahlers habe die Familie für 40 Gulden verraten, was Frank gewusst, aber immer verschwiegen habe, weil er von diesem nach dem Krieg wegen eigener Geschäfte mit den Nazis erpresst worden sei. Darauf hatten die Niederländer ihre Untersuchungen erneut aufgenommen. "Nach der Fertigstellung des Berichtes wird seine Veröffentlichung noch ein wenig Zeit erfordern", meint Barnouw im "Corriere", eventuell werde man den Bericht aber auch sofort im Internet verfügbar machen.(APA)