Wien - Nicht gerade ein Musterschülerzeugnis stellt die scheidende Leiterin der Wiener UNHCR-Stelle, Karola Paul, der österreichischen Asylpolitik aus, was die Betreuung von Flüchtlingen angeht. Probleme ähnlicher Art gebe es innerhalb der EU nur in Portugal und Griechenland auf Grund fehlender Infrastruktur, meint die Vertreterin des UNO-Flüchtlingshochkommissariats zur Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil der Asylsuchenden "systematisch" nicht in Bundesbetreuung aufgenommen wird. In einem anderen Punkt kommt Paul den Vorstellungen von Innenminister Ernst Strasser entgegen. Auch sie kann sich ein sehr rasches Erstabklärungsverfahren bei Asylwerbern vorstellen.

Ein besonderes Anliegen ist Paul die Bundesbetreuung: "Das ist ein Punkt, wo ich immer ganz vehement protestiert habe. Es geht einfach nicht, dass Leute auf die Straße gestellt werden". Man könne kein Asylverfahren durchführen, "wenn die Leute obdachlos sind und nicht erreicht werden können". Wenn man Menschen im Ausland erzähle, dass in Österreich Leute auf die Straße gesetzt würden und in Unterkünften bleiben müssten, die Substandard seien, "dann kucken sie die Leute an und glauben das nicht".

Hoffnungen setzt die UNHCR-Vertreterin jetzt darauf, dass es möglichst rasch zur geplanten Bund-Länder-Vereinbarung zur Grundversorgung aller Flüchtlinge kommt. Ihrer Einschätzung nach sind die Länder angesichts der jüngsten Debatte um die Strasser-Richtlinie, die Asylwerber aus bestimmten Staaten aus der Bundesbetreuung ausschließt, aufgewacht. Diese hätten "sehr großes Interesse" daran, dass die Menschen nicht auf der Straße stünden und kein Potenzial für Kleinkriminalität entstehe. Spätestens durch den bevorstehenden Beschluss der EU-Innenminister zu diesem Thema werde Österreich seine Praxis aber ohnehin ändern müssen, sieht Paul hoffnungsfroh in die Zukunft.

Reparaturbedarf ortet die UNHCR-Repräsentantin bei den Asylverfahren auch wegen deren zu langer Dauer. Einerseits seien die Beamten des Bundesasylamts "sehr überlastet", eine Aufstockung des Personals daher notwendig. Andererseits sei auch ein beschleunigtes Verfahren notwendig: "Ich sehe Fälle, die können sie in 48 Stunden entscheiden". Ihr Paradebeispiel: Ein Inder, der bei seiner Ankunft als Asylgrund angegeben hatte, die Aussteuer für seine Tochter verdienen zu wollen: "Das hat aber auch überhaupt nichts mit der Genfer Flüchtlingskonvention zu tun". Für die Beschleunigung und die Integrität des Verfahrens sei es wichtig, dass diese Menschen "so schnell wie möglich herausgefiltert und nach Hause geschickt werden".

Worauf Paul aber besteht, ist die Prüfung jedes Einzelfalls. Sie sei "total general, aber total" gegen Länderlisten, wie sie beispielsweise Strasser propagiert. Es könne kein sicheres Herkunftsland geben, erinnert die Flüchtlingsexpertin an einen spektakulären Fall aus der jüngeren Vergangenheit. Vor drei Jahren habe ein englischer Bub in Kanada Asyl bekommen, da ihm die örtlichen Behörden in Großbritannien nicht die entsprechende Unterstützung zukommen hätten lassen.

Generell sieht die UNO-Vertreterin die Notwendigkeit, in Europa ein "allumfassendes Konzept der Migration und des Asylwesens" zu schaffen: "Europa muss verstehen, dass es eine gesteuerte und legale Einwanderung wieder braucht - schon wegen der Alterspyramide". Die Staaten müssten sich umsehen, wo sie Arbeitskräfte bräuchten und gezielt nach ihnen suchen. Dabei sei generell wieder eine Trennung vom Asylbegriff vorzunehmen.

Paul verlässt die Wiener UNHCR-Stelle mit 15. Jänner. Die Deutsche Juristin, früher unter anderem in Somalia, dem Irak und den Philippinen aktiv, kehrt nach über drei Jahren in die Headquarters in Genf zurück. Dort war die 57-jährige Juristin bis zu ihrer Tätigkeit in Wien als stellvertretende Direktorin des Europabüros tätig. (APA)