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Kasinos sind für US-Indianerstämme ein Millardengeschäft geworden. Allerdings bei weitem nicht für alle.

Foto: Reuters/Ho

Albuquerque - Im Bundesstaat New Mexico ist das Glückspiel verboten. Doch das hält May Spenser nicht davon ab, einmal die Woche ihr Glück an den einarmigen Banditen zu versuchen. Bewaffnet mit 50 Dollar in 25-Cent-Stücken verbringt die Rentnerin mehrere Stunden in den Hallen des Sandia Indian Casinos, nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt Albuquerque. "Mein einziges Laster", sagt die 71-Jährige fröhlich beschwichtigend.

Mays Laster und das Millionen anderer lässt die Kasinokassen nicht nur im Bundesstaat New Mexico klingeln. Seit die US-Regierung im Jahr 1988 den Indianerstämmen das Recht zugestanden hatte, auf ihrem Territorium Kasinos einzurichten, schossen die Spielhallen wie die Pilze aus dem Boden. In 28 Bundesstaaten werden inzwischen 290 Kasinos betrieben. Sie beherrschen knapp 15 Prozent des 50-Milliarden-Dollar-Marktes und werden nicht umsonst die "neuen Büffel" der Native Americans genannt.

Mehr als zwölf Milliarden Dollar Umsatz

Das hat nicht nur den Ureinwohnern der Vereinigten Staaten neue Geldquellen beschert, es hat auch das Image des "neureichen Indianers" geschaffen. Denn die Kasinos setzten im vergangenen Jahr immerhin 12,7 Milliarden Dollar um, von denen fünf bis sechs Milliarden als Gewinn übrig blieben.

Doch das neureiche Image trifft nur auf wenige Stämme zu. Die meisten der 1,8 Millionen Indianer sind weiterhin minderbemittelt. Nach einer jüngsten Untersuchung des Time Magazins verfügt nur die Hälfte der Indianerstämme über Kasinos, da Stämme wie die Navajo das Glücksspiel aus moralischen Gründen ablehnen. Andere Stämme wiederum leben zu weit von urbanen Zentren entfernt.

Ungleichgewicht

Auch sind von den insgesamt 290 Tribal-Kasinos gerade 39 für zwei Drittel des Umsatzes verantwortlich. Und, noch schlimmer ist: 44 Prozent der Gewinne kommen drei Prozent der Indianer in den Bundesstaaten Kalifornien, Connecticut und Florida zugute. Während Stämme in Montana, Nevada, North Dakota, Oklahoma und South Dakota sich drei Prozent der Gewinne teilen.

Zum Vergleich: Während das Kasino der San Manuel Band of Mission Indians in Kalifornien im Jahr mehr als 100 Millionen Dollar erwirtschaftet und jährlich rund 900.000 Dollar an jedes Stammesmitglied verteilt, kassiert der Bruder in Montana im Schnitt nur 400 Dollar.

Anders gedacht

Das war so nicht gedacht, als die US-Regierung 1988 den Indianern "Gaming" erlaubte. Das Gesetz sollte dafür sorgen, dass die Einnahmen aus dem Glücksspiel nicht in die Taschen weniger fließen. Vielmehr sollte die Eigenverantwortung und Unabhängigkeit aller Stämme gestärkt werden. Und nicht zuletzt sollten die gut verdienenden Stämme von der Sozialhilfe abgenabelt werden.

Dass selbst Letzteres nicht immer erreicht wird, zeigt das extreme Beispiel von Maryann Martin. Sie ist die einzige Überlebende der Augustine Band of Cahuilla Mission Indians in Kalifornien. Nicht nur betreibt sie ein kleines Kasino nahe Palm Springs, sie kassierte gleichzeitig 1999 und 2000 rund eine Million Dollar von Washington an Sozialhilfe, Unterstützung für die Stammesregierung und ein Umweltschutzprogramm.

Oft sind es nicht einmal die Indianer, die von dem Spielhallen-Reibach profitieren, sondern ausländische Investoren wie ein malaysischer Kasinomilliardär, der kräftig am Foxwoods Resort Casino in Connecticut absahnt. Es wird von rund 500 Mitgliedern der Mashantucket Pequots betrieben und ist der größte Glückspielkomplex in den Vereinigten Staaten.

Schlupflöcher

Die Investoren profitieren nicht nur von den Schlupflöchern des "Regulatory Act", der den Stämmen beträchtliche Freiräume einräumt, sondern auch von der Ineffizienz der National Indian Gaming Commission (NIGC), die die Spielhallen überwachen soll. Denn mit einem Budget von gerade acht Millionen Dollar und 67 Mitarbeitern ist die NIGC dazu kaum in der Lage.

Bis heute hat die Behörde trotz Klagen von Stammesmitgliedern keinen einzigen Korruptionsfall aufgedeckt. Vielmehr werden Mitglieder, so das Time Magazin, eingeschüchtert, wenn diese undurchsichtige Geschäfte aufdecken. (Rita Neubauer, DER STANDARD, Printausgabe 7.1.2002)