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Beat Furrer leitete nicht nur die konzertante Uraufführung von "Begehren" im Herbst 2001, er wird auch die szenische dirigieren. Bezüglich der Dramaturgie fragte er sich: "Wie kann ich etwas erzählen, ohne in die Linearität zurückzufallen?"

Foto: APA/Schaefer

Mit der szenischen Uraufführung von Beat Furrers Musiktheater "Begehren", einer Koproduktion des "steirischen herbstes" und der Ruhrtriennale, wurde am 9. Jänner "Graz 2003" eröffnet. Mit dem Komponisten und Dirigenten sprach Robert Spoula.


STANDARD: Ihr Werk beschäftigt sich mit einem Mythos, der Orpheus-Thematik. Wie steht der historische Hintergrund und dessen Betrachtung mit den Mitteln zeitgenössischer Komposition in Beziehung?

Furrer: Es ging mir zunächst nicht um die Annahme, dass uns die alten Mythen heute noch etwas mitteilen, sondern darum, sie zu prüfen: Was können sie uns heute sagen, wo sind diese Mythen noch offen? Diese Öffnung wird unter anderem durch die Überlagerung verschiedener Textschichten - Vergil, Ovid, Pavese, Broch und Eich - angestrebt. Als Grundlage dienen hier Vergil und Ovid, welche den Orpheus-Mythos erzählen. Aber schon bei Cesare Pavese wird eine subjektive Interpretation dieser hoch komplexen Materie sichtbar. Bei Hermann Brochs "Der Tod des Vergil" ist mit dem Zurückholen von Erinnerung der Orpheus-Mythos präsent.

Eine gänzlich andere Sichtweise verkörpert dagegen Günter Eich in seinem Hörspiel "Geh' nicht nach El Kuwehd", in dem eine von ihrem Liebhaber verlassene Frau sich von der Erstarrung zum Singen und danach zum Sprechen hin entwickelt, der Mann sich dagegen vom Sprechen zum Singen hin wandelt.

Ich selbst sehe die Figur des Orpheus auch als einen Mittler zwischen der dionysischen und der apollinischen Welt. Es erscheinen später im Christentum ganz ähnliche Figuren wie zum Beispiel Franz von Assisi, der wie Orpheus auch die Welt der Tiere verstand und so ein Mittler zwischen der Welt des Menschen und des Animalischen war.

STANDARD: Woher kam die kompositorische Notwendigkeit, diesen Mythos zu prüfen?

Furrer: Ich sehe es als Teil der dramaturgischen Anlage des kompositorischen Prozesses, den Mythos zu öffnen. Es ging mir auch darum, formale Erfahrungen aus der Instrumentalmusik wie die Überlagerung von Klangschichten und damit die Erzeugung von Perspektive auf das Musiktheater zu übertragen: Wie kann ich etwas erzählen, ohne in die Linearität zurückzufallen? In der ersten Szene sind dabei alle Schichten in einem sehr dichten Netzwerk anwesend und kommen allmählich einzeln zum Vorschein. Sehr interessant ist für mich auch die Frage des Gesanges.

Die allgemeine Konvention der Oper, dass Texte, die normal gesprochen sind, gesungen werden, genügt mir nicht. Mich interessiert der Impuls, der eine Figur singen lässt, der Weg vom Sprechen hin zum Singen, denn klanglich-kompositorisch ist ja auch die gesprochene Sprache faszinierend. Die in der Unterwelt vorherrschende Gestik des mechanisch Repetierenden steht ihr da diametral gegenüber. Orpheus hat bei Ovid die Kraft, diese Mechanismen anzuhalten. Ihnen durch harmonische Filter einen lebendigen sprachähnlichen Duktus zu entlocken fasziniert mich dabei ebenso.

STANDARD: Welche Funktion hat der Chor?

Furrer: Eine sehr wesentliche. Zunächst erzählt er die Ereignisse, beobachtet den Gang ans Licht. Später wird er zur Verstärkung von Eurydikes Stimme eingesetzt und verschmilzt dann mit dem Gesang dieser Frau.

STANDARD: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Reinhild Hoffmann, Regie, und Zaha Hadid, Bühnenbild, die ja aus ganz unterschiedlichen Sparten kommen, nämlich Tanz und Architektur?

Furrer: Mit Reinhild Hoffmann habe ich schon früher zusammengearbeitet und dabei erkannt, wie musikalisch sie denkt. Zaha Hadid kommt aus einem ganz anderen Kulturkreis. Sie schafft aus einer Fläche eine sehr komplexe Landschaft, die sich sehr gut in die Arbeit von Reinhild Hoffmann integriert.

STANDARD: Die Grazer Oper konzentriert sich in ihren Programmbeitrag für Graz 2003 ganz auf die historische Tradition der Oper, modernes Musiktheater findet in der neu gebauten Helmut-List-Halle statt. Wird das Problem, dass neues Musiktheater sich oft anderen Räumen gegenüber öffnet, auch infrastrukturell zu einer Abspaltung vom traditionellen Haus der Oper führen?

Furrer: Die akustischen Möglichkeiten einer neuen Halle, nicht nur einen Mischklang, sondern eine sehr starke Präsenz des Klanges zu haben, kommen dem neuen Musiktheater natürlich sehr entgegen - die alten Räume sind ja auch für alte Musik konzipiert. Um die Institution der Oper am Leben zu erhalten, ist es aber notwendig, dass neues Musiktheater auch in traditionellen Theatern stattfinden muss. Es wird sich früher oder später auch dort etablieren, da sonst auch das Alte absterben würde. Wie Achim Freyer und andere mit der Guckkastenbühne umgehen, ist ein sehr interessanter Weg. Und auch neue Räume sind nicht neutral, sondern geben ganz spezielle Gegebenheiten und damit Raumprobleme vor.

STANDARD: Die neu gebaute Helmut-List-Halle ist insofern hochinteressant, da hier das akustische Know-how eines Wirtschaftsbetriebes, eben AVL, zur Schaffung einer kulturellen Infrastruktur geführt hat. Kann diese Verbindung von Kultur und Wirtschaft als modellhaft betrachtet werden?

Furrer: Der Bau dieser Halle war natürlich ein Glücksfall, da die AVL Akustikforschung betreibt und mit Helmut List einen sehr offenen Menschen in führender Position besitzt. Vor einem übertriebenen Optimismus bezüglich der Verlagerung der Verantwortung gegenüber der Kunst hin zur Wirtschaft möchte ich aber warnen. Wir sehen ja überall, wie Events und Einschaltquoten alles andere, was nicht sofort lukrativ ist, verdrängen. In Kultur zu investieren ist dagegen eine längerfristige Investition. Und nicht alle denken langfristig.

STANDARD: Dass die Kulturpolitik im vergangenen Wahlkampf kaum eine Rolle spielte, ist ein Zeichen dafür?

Furrer: Genau. Offensichtlich kann man bei kulturpolitischen Themen mehr Fehler machen, als dass sie Wählerstimmen bringen würden.

STANDARD: Im ORF wird überlegt, das Radio Symphonie Orchester auszugliedern.

Furrer: Davon wird ja schon lange gesprochen, wobei immer wieder getestet wird, wie groß das Geschrei ist. Diese Salamitaktik, das RSO Stück für Stück verschwinden zu lassen, wird von Menschen verfolgt, die offensichtlich nicht wissen, was ein Orchester ist - dass es ein Teil unserer Kultur ist. Ich hoffe, dass hier einmal entdeckt wird, dass all diese Dinge zu unserem Leben gehören. Wenn wir ein Problem mit der neuen Kunst haben, so betrifft dies ja auch unmittelbar die alte Kunst. Die Kultur der Kommunikation zu pflegen halte ich für überlebenswichtig. In einer Welt, die immer komplexer wird, ist es erschreckend, wie primitiv - ich denke da an den Irak-Konflikt - oft argumentiert wird.

STANDARD: Sie unterrichten Komposition an der Grazer Kunstuni. Wie schätzen Sie die Situation für junge Komponistinnen und Komponisten ein?

Furrer: Schon mein Lehrer, Roman Haubenstock-Ramati, meinte, er möchte nicht an meiner Stelle sein, da alles immer schwieriger werde. Ich glaube - wobei ich sofort aufhören würde, wenn dieser Glaube verschwände -, dass es auch Gegenströmungen geben wird. Es wird auch in Zukunft Platz für Komponisten geben.

STANDARD: Für Wolfgang Lorenz, den Intendanten der Kulturhauptstadt, ist Graz "nicht einfach ein Ort, an dem ein Jahr lang Kunst stattfindet, sondern ein Topos, aus dem heraus europäischer Kulturmehrwert geschaffen werden" solle. Kann Graz diesen Anspruch auch nachhaltig umsetzten?

Furrer: Ich glaube schon. Wer durch die Stadt fährt, sieht die neuen Bauten wie die Murinsel oder das Kunsthaus, architektonische Formen, die, wie auch die Helmut-List-Halle, als Resonanzkörper für eine regionale Kunstszene fungieren werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2003)