Der feine Berliner Verlag "Das Arsenal" publiziert seit 25 Jahren große, zu Unrecht vergessene Autoren der Weltliteratur und Protagonisten der Wiener Feuilletonkultur. Eine Einladung, das Werk von Tibor Déry und Béla Balázs wieder zu entdecken.


Berlin - Vor gut achtzig Jahren, am 25. November 1922, in einer - kurzfristig - prosperierenden Periode, erschien in Wien die erste Ausgabe der Tageszeitung Der Tag. Ihr Gründer, der Bankier Sigmund Bosel, hatte einige der besten Schreiber für das ehrgeizige Unternehmen gewonnen. So betreute Alfred Polgar das Theaterressort. Und in der Rubrik "Der Filmreporter" erfand Béla Balázs als einer der ersten das Genre der Filmkritik.

Doch Béla Balázs war nicht zum Filmkritiker geboren, nicht einmal als Schreibender in deutscher Sprache. 1884 im südungarischen Szeged als Sohn eines jüdischen Lehrerpaares zur Welt gekommen, hatte er nicht ein, sondern der ungarische Schriftsteller werden wollen. Weshalb er - eine der Ironien seines Lebens - seinen ursprünglich deutschen Namen Herbert Bauer in das ungarisch tönende Béla Balázs verändert hatte.

Er studierte in Paris bei Henri Bergson, in Berlin bei Georg Simmel, schrieb, zurück in Ungarn, Libretti für Bartók (etwa zu dessen Oper Herzog Blaubarts Burg) und Kodály, verfasste Gedichte und Märchen, bis er 1919, nur drei Jahre vor seinem Engagement beim Tag, als überzeugter Kommunist vor dem "weißen Terror" des Horthy-Regimes nach Wien flüchtete - wie mit ihm auch der Literaturwissenschafter Georg Lukács oder der Soziologe Karl Mannheim.

Seiner schriftstellerischen Ambition schuf er in Wien neben den Filmkritiken vor allem in luziden feuilletonistischen Essays einen Ort. Darin ging er beispielsweise - in Antwort auf einen Artikel des Kollegen Alfred Polgar - der Frage nach, warum Engel als immerhin metaphysische Wesen auf dem Theater Flügel bräuchten. Und entführte mit seiner Antwort den Le- ser in die Bereiche zwischen den Sinneswahrnehmungen, zum "Schielen" der Sinne . . .

Im Nachdenken über das neu erfundene Radio nahm er die Schaffung des Hörspiels vorweg ("Das Radio bringt die neue, nur hörbare Kunst: das akustische Drama. Die Darstellung des Lebens nur für das Ohr") und beschwor das "drahtlose Chaos" einer medial informierten Zukunft, in der "entfernte Völker, die früher voneinander nicht wussten, dass sie lebten, jetzt einander ohne weiteres töten" können.

Dank des engagierten Berliner Verlags "Das Arsenal" liegen Balázs' lange vergessene Feuilletons gemeinsam mit seinem 1925 erschienenen "Phantasie-Reiseführer" unter dem Titel Ein Baedeker der Seele Und andere Feuille- tons nun in Buchform vor - in einer Ausgabe, die, wunderbar schlicht, in Fadenheftung und englischer Broschur, auch optisch Auge und Seele erfreut. Nach Balázs' autobiografischem Roman Jugend eines Träumers als der zweite Band einer Werkauswahl, herausgegeben und sorgfältig kommentiert von Hanno Loewy.

Seit nunmehr 25 Jahren, genau seit dem 14. Juli 1977, das sich Verleger Peter Moses-Krause zum programmatischen Gründungsdatum erkor, verlegt Das Arsenal Kleinode der Feuilletonkultur, Texte, in denen "das Arsenal" des - immer auch politisch verstandenen - Kampfes der Sprache gewordene Gedanke ist.

Unter den bisher rund zweihundert Titeln des Verlages finden sich die Werke des Flaneurs und Walter-Benjamin-Freundes Franz Hessel, der einst gerühmte Berliner Feuilletonist Victor Aubertin, Siegfried Kracauer - und neben Balázs ein weiterer Protagonist jener ungarisch-jüdischen Literaten, die die Zeitläufte des vergangenen Jahrhunderts zwangen, Ungarn zu verlassen: Tibor Déry - jener Autor, dessen Roman Der unvollendete Satz bis heute zu den zentralen Werken der ungarischen Literatur des zwanzigsten Jahr- hunderts zählt; jener Autor, den zeitgenössische Rezensenten auf eine Stufe mit Neuerern der Prosa wie Marcel Proust und James Joyce stellten und der dennoch in einer Verlagslandschaft, die ständig nach Neuem schielt, jahrzehntelang vergessen war.

Tibor Déry also ist im "Arsenal" bisher mit Erzählungen zu entdecken. Die zuletzt erschienene, Niki oder Die Geschichte eines Hundes, schildert mit großer Wärme ein Hundeleben und - gewissermaßen nebenbei, am anderen Ende der Hundeleine - das Schicksal von dessen Besitzern, die der stalinistische Terror im Ungarn der späten 40er-Jahre in Gefängnis und Elend treibt.

Déry veröffentlichte Niki 1955 in Ungarn, wo er zwei Jahre später das Schicksal seiner Protagonisten teilen sollte und verhaftet wurde. "Das Arsenal" veröffentlicht nun die deutsche Übersetzung wieder, die kein anderer als Ivan Nagel, ebenfalls aus Ungarn emigriert, 1957 in fiebriger Eile angefertigt und beim S. Fischer Verlag herausgebracht hatte, um die deutsche Öffentlichkeit auf Déry aufmerksam zu machen und seinen Tod zu verhindern - was gelang. Nach drei Jahren kam Tibor Déry frei. Weitere Werke des großen ungarischen Autors sollen in den nächsten Jahren im "Arsenal" erscheinen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2003)