Es ist so weit: Menschen können geklont werden. Die Reaktionen darauf reichen von blankem Entsetzen bis zu belämmertem Schweigen. Kommt das von vielen geforderte Totalverbot? Skepsis ist angebracht, zumal das Züchten menschlicher Ersatzteillager ein lukratives Geschäft zu werden verspricht. Wer denkt angesichts dieser Entwicklung nicht an Aldous Huxleys Roman "Schöne neue Welt" (Brave New World)? Nähern wir uns denn nicht immer schneller einer Welt, in der scheinbar glückliche, freie Menschen leben, die aber in Wirklichkeit mehr und mehr einem Albtraum gleicht?

In Huxleys Reich der nach Geschlecht und Intelligenz vorprogrammierten Retortenbabys hat das Wort "Mutter" einen geradezu obszönen Klang. StudentInnen, im Roman danach befragt, ob sie sich unter "in einer Familie leben" und dem Wort "Zuhause" etwas vorstellen können, schütteln nur ihre Köpfe.

Naive Zuversicht

Uns nützt es angesichts jüngster Tendenzen (auch die unnatürliche Möglichkeit einer Mutterschaft von Frauen über 60 Jahren gehört dazu) nichts, die Köpfe zu schütteln oder sie in den Sand zu stecken. Wahrscheinlich müssen wir schon bald mit der völligen Entwicklung von Kindern außerhalb des Mutterleibes rechnen, desgleichen mit der Durchführbarkeit von Gehirntransplantationen.

Wäre es dann ganz ausgeschlossen, dass sich jemand klonen und sein Gehirn auf den jüngeren Körper übertragen lässt, um unsterblich zu werden? - Sciencefiction?

Es sollte uns jedenfalls sehr nachdenklich stimmen, was Aldous Huxley (1894-1963) fünf Jahre vor seinem Tod in einem langen Essay über das "Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt" geschrieben hat:

"Im Jahre 1931, als ich die ,Schöne neue Welt' schrieb, war ich überzeugt, dass wir noch viel Zeit hätten. Die völlig organisierte Gesellschaft, das wissenschaftliche Kastensystem, die Abschaffung des freien Willens mittels methodischen Konditionierens, die durch regelmäßige Verabreichung pharmakologisch hervorgerufener Glückseligkeit annehmbar gemachte Versklavung, die in nächtlichen Schlafunterrichtskursen eingetrichterten Glaubensartikel - das alles würde wohl einmal kommen, aber nicht zu meiner Lebenszeit, nicht einmal zu der meiner Enkel (...). Siebenundzwanzig Jahre danach, in diesem dritten Viertel des 20. Jahrhunderts n. Chr. und lange vor dem Ende des 1. Jahrhunderts n. F. (nach Ford), denke ich beträchtlich weniger optimistisch denn damals, als ich ,Schöne neue Welt' schrieb. Die Prophezeiungen von 1931 werden viel früher wahr, als ich dachte (...). Der Albtraum totaler Organisation, den ich ins 7. Jahrhundert n. F. verlegt hatte, ist aus der ungefährlich fernen Zukunft herausgetreten und erwartet uns unmittelbar vor unserer Tür."

Die weit verbreitete Zuversicht, man werde schon nicht alles, was wissenschaftlich möglich ist, auch wirklich anwenden - schon gar nicht beim Menschen, decouvriert sich zunehmend als blauäugiges Wunschdenken.

Die Menschheit sollte sich lieber an der skeptischen Einsicht orientieren, die Aldous Huxleys "Wiedersehen" 1958 beschließt: "Vielleicht sind die Mächte, die heute die Freiheit bedrohen, zu stark, als dass ihnen sehr lange Widerstand geleistet werden könnte. Es ist dennoch unsere Pflicht, alles, was in unseren Kräften steht, zu tun, um ihnen Widerstand zu leisten." (DER STANDARD, Printausgabe, 07.01.2003)