Die Lieblinge der Massen: Riess-Passer und Grasser

foto: standard/cremer

Susanne Riess-Passer feiert ihren Abschied aus der Regierungspolitik mit einer Reihe von meist wohlwollend geführten Interviews und ebenso anerkennenden Kommentaren, auch in kritischen Magazinen. Ihren vollständigen Abschied aus der Politik feiert sie übrigens nicht, weil die hohe Position im Sportmanagement, die sie offenkundig bekommen wird, stark von politischen Einflüssen dominiert ist. Das journalistische Wohlwollen, über das sich die Gerade-noch-Vizekanzlerin freuen kann, hat seine Wurzeln in zwei Entwicklungen. Zum einen wird ihr - zu Recht - zugute gehalten, dass sie sich nach einer endlosen Kette von Demütigungen durch Haider und seine Knittelfelder Bierzelttruppe endlich doch entschlossen hat, sich das nicht länger gefallen zu lassen; und dass sie über beachtliche Beliebtheitswerte verfügt. Denn viele österreichische Journalisten richten sich auch danach in ihrer Bewertung.

Nun ist Frau Riess-Passer ein gewisser Respekt zu zollen, dass sie am Ende doch ihre Selbstachtung gefunden hat und nicht mehr bereit war, sich als Persönlichkeit zerstören zu lassen. Sogar die Tatsache, dass sie bis fast zum letzten Moment jeden politischen Wahnsinn Haiders verteidigte, kann man als Schwierigkeiten, sich von einem Idol zu emanzipieren, durchgehen lassen. Das passiert Männern genauso. Komisch ist nur, wenn Frau Riess-Passer Haiders Saddam-Verrücktheiten als letzten Auslöser für ihr innerliches Abwenden angibt; seinerzeit reagierte sie noch wutentbrannt, wenn man darauf aufmerksam machte, dass Haider sich und Österreich nach dem 11. September mit seiner Gaddafi- und Saddam-Liebe desavouierte. Aber gut, Frau Riess-Passer hat einmal das Richtige getan. Aber mit welcher Leistung in ihren Jobs als Parteiobfrau und Ministerin sind ihre guten Umfragewerte zu begründen? Sie war zuständig für Sport und Verwaltungsreform. Bei Letzterer hat sie so gut wie nichts getan, konnte es wohl auch gar nicht, weil die Materie so schwierig ist. Aber objektiv ist sie als Parteiobfrau gescheitert, weil sie einfach nicht mehr weitermachen konnte. Diese Logik scheint jedoch einem großern Teil der Bevölkerung nicht zugänglich zu sein.

Noch krasser

Noch krasser verhält es sich mit Karl-Heinz Grasser. Auch ihm ist anzurechnen, dass er nach dem Knittelfelder Zirkus wusste, was zu tun ist. Er ist zwar kein großes Risiko eingegangen, weil er sich natürlich bei Schüssel rückversicherte. Seine atemberaubenden Beliebtheitswerte sind jedenfalls auf sein für viele angenehmes Auftreten zurückzuführen; warum aber eine gewaltige Mehrheit glaubt, Grasser sei als wirtschaftspolitischer Macher für die Zukunft unverzichtbar, ist ein gewaltiges Rätsel. Seine "Budgetsanierung" besteht aus der größten Steuerbelastung der Geschichte und ist nicht nachhaltig; die Mittelständler, die ihm bei PR-Events zujubeln, sind seine größten Opfer; seine begrüßenswerten Ideen von einer wirtschaftsliberalen Politik sind in der Praxis das genaue Gegenteil geworden.

Auch die außenpolitischen Erfolge von Frau Ferrero-Waldner sind überschaubar; ihr wird zugute gehalten, dass sie zur Zeit der Sanktionen einen tatsächlich beeindruckenden Einsatz zeigte (der aber wenig zur Aufhebung derselben beitrug) und dass sie immer so nett lächelt.

Kann es sein, dass die Mehrheit eigentlich nicht wirklich weiß, was ein Minister so macht, sondern nur nach dem Eindruck im Fernsehen entscheidet? Auf die Dauer kann man freilich als Politiker mit bloßem gutem Auftreten und Marketingschmäh nicht reüssieren. Aber es vergeht schon eine Zeit, bis die Leute draufkommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2003)