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Foto: APA/Matthias Schrader

Frankfurt/Main - Der erste Flächenstreik im öffentlichen Dienst in Deutschland seit 1992 könnte in letzter Minute abgewendet werden: Die Arbeitgeber sind offensichtlich doch bereit, eine Lohnerhöhung von drei Prozent zu akzeptieren, wenn sie an anderen Stellen stärker entlastet werden als im Schlichterspruch vorgesehen. Ein entsprechendes Angebot wollen sie laut Tageszeitung "Die Welt" bei der Fortsetzung der Tarifverhandlungen am Mittwoch in Potsdam vorlegen. Auch die Gewerkschaft ver.di äußerte die Hoffnung auf eine Einigung. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement appellierte eindringlich an beide Seiten, einen Streik abzuwenden.

Das neue Angebot der Arbeitgeber sieht dem Bericht zufolge eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um mindestens eine halbe Stunde und eine Laufzeit von 20 bis 24 Monaten für den neuen Tarifvertrag vor. Nach dem Schlichtungsvorschlag hätte der Tarifvertrag eine Laufzeit von 18 Monaten haben sollen, eine Verlängerung der Arbeitszeit war darin nicht vorgesehen.

Der Landrat von Potsdam-Mittelmark, Lothar Koch, der als Vertreter der Kommunen Mitglied der Arbeitgeber-Verhandlungskommission ist, wollte den Bericht weder bestätigen noch dementieren. "Wir suchen einen letzten Weg, um den Streik doch noch zu verhindern", sagte er. Die kommende Verhandlungsrunde in Potsdam gilt als entscheidende. Ver.di hat bereits einen unbefristeten Streik angekündigt für den Fall, dass die Arbeitgeber ihr bisheriges Angebot nicht verbessern. Die Vertreter von Bund, Ländern und Gemeinden hatten in der Nacht zum Montag die Empfehlung der Schlichtungskommission abgelehnt.

Der stellvertretende ver.di Landeschef von Bayern, Michael Wendl, sagte, eine regelmäßige Verlängerung der Arbeitszeit sei nicht verhandelbar. "Das ist Unsinn." Es habe wohl bei den Arbeitgebern in der Schlichtung mit der Kommunikation nicht richtig funktioniert. Teile der Arbeitgeber seien offenbar ungehalten, weil die Warnstreiks im Vorfeld sehr massiv gewesen seien. "Sie kommen mit der selbstbewussten Art von ver.di Chef Frank Bsirske nicht klar", sagte Wendl.

Ver.di-Vorstandsmitglied Kurt Martin sagte im Deutschlandradio Berlin, er glaube, dass trotz Scheiterns der Schlichtung ein Durchbruch bei den Verhandlungen möglich sei. Ein Streik werde die öffentliche Hand mehr kosten, erklärte er warnend in Richtung Arbeitgeber.

Ein Streik im öffentlichen Dienst hätte nach Ansicht von WirtschaftsforscherInnen kaum Auswirkungen auf die deutsche Privatwirtschaft. "Nachhaltige Produktionsausfälle sind nicht zu befürchten", erklärte Eckhardt Wohlers vom Hamburger Weltwirtschaftsarchiv (HWWA) am Dienstag. Der Streik werde eher den Bürger treffen, weil die Gewerkschaft auf diesem Weg Einfluss auf die Politik nehmen wolle. (APA/AP)