Bild nicht mehr verfügbar.

Transparent bei Anti-Chavez-Demo: "Carlos, lass den Mörder nicht los!" (zum Vergrößern)

Foto: APA/AFP

Hugo Chávez müsse weg, "eine Art Junta" solle das Land in Neuwahlen führen. Das sagt der Chef der Gewerkschaft CTV, Carlos Ortega, der wichtigste Führer der Opposition in Venezuela. Mit Ortega sprach Alexandra Föderl-Schmid in Caracas.

***

STANDARD: Seit fünf Monaten gibt es Massendemonstrationen, und ein Generalstreik, dem sich auch die staatliche Ölindustrie angeschlossen hat, lähmt das Land. Was haben Sie erreicht?


Ortega: Dieser Schaden, der dem Land zugefügt wurde, hat einen Namen: Hugo Chávez. Man kann nicht verstehen, dass er nicht reagiert nach mehr als einem Monat Streik. Wir opfern eine ganze Menge. Aber wenn wir nichts tun, wird Venezuela alles verlieren. Denn diese Regierung ist ein Regime, das mit Drogenhändlern und internationalen Terroristen zusammenarbeitet. Deshalb ist wichtig, dass die internationalen Medien da sind und zeigen, Chávez ist nicht nur eine Gefahr für Venezuela, sondern für die ganze Welt. Niemand kann sagen, dass wir nicht dagegen kämpfen. Obwohl Chávez uns Putschisten, Boykotteure und Saboteure nennt, haben wir eine demokratische Tradition. Wir haben uns in einem demokratischen Sinne organisiert und entwickelt.

STANDARD: Wie kann man verstehen, dass eine Bewegung, die sich "demokratisch" nennt, einen gewählten Präsidenten stürzen will?


Ortega: Unser Ziel ist nicht, die Regierung abzusetzen. Aber wenn wir nichts gegen sie tun, dann wird Venezuela alles verlieren. Ziel der heutigen Regierung ist es, ein autoritäres System zu schaffen, eine Art Diktatur. Deswegen stellt sich die venezolanische Bevölkerung dagegen, so weiterzumachen. Diese Regierung wurde zu Beginn von 80 Prozent der Bevölkerung unterstützt. Diese Popularität ist binnen vier Jahren auf 18, 20 Prozent gesunken. Sie hat das Volk enttäuscht und frustriert.

STANDARD: Wären Sie ein besserer Präsident als Chávez? Sind Sie der Lech Walesa der Venezolaner?


Ortega: Nein, diese Frage ist noch nicht gestellt. Die Frage der Führung und Präsidentschaft steht im Moment nicht im Vordergrund. Unsere Arbeit ist der Versuch, zusammenzuhalten und unsere Bewegung voranzutreiben. Wir haben sogar all jene, die mit der Regierung arbeiten, eingeladen, etwas mit uns zusammen zu machen. Wir wollen gemeinsam mit denen die Republik retten. Wenn wir die schwierige Krise, die Venezuela derzeit erlebt, überwunden haben, werden wir wieder die Rolle haben, die der Gewerkschaft zugeteilt ist: die Verteidigung der Interessen der Arbeiter. Dann werden die Politiker den Platz einnehmen, der frei wird. Das ist eine Rolle der Parteien und nicht der Gewerkschaft.

STANDARD: Aber wie soll es weitergehen. Haben Sie ein Alternativprogramm?


Ortega: Das müssen wir nicht machen. Wir glauben, dass Chávez flüchten wird. Danach muss man eine Art Junta ernennen, damit diese das Land für eine kurze Übergangszeit führen kann. In diesem Prozess, so glauben wir, müssen alle Sektoren der Gesellschaft dabei sein, inklusive der demokratischen Teile der Regierung. Das heißt, wir sind offen. Das zweite Ziel ist, dass diese Junta später einen Wahlprozess einleitet. Dann sind die politischen Parteien am Zug.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft von Chávez?


Ortega: Auf der Flucht. In der Vergangenheit hat er demonstriert, dass er ein Feigling ist. Als sein Putsch 1992 gescheitert ist, hat er alle Mitstreiter allein gelassen. Deshalb haben alle, die zuerst mitgemacht haben, ihn jetzt allein gelassen. Er soll für seine Schulden und den Schaden mit Gefängnis bezahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2003)