Wien - Die Globalisierung war noch nicht erfunden und forderte doch schon erste Opfer. Der Import sollte den Export verunmöglichen - und damit auch gleich ein traditionelles Handwerk seiner Chance auf Fruchtgewinn berauben: Die Fertigkeit, "Wiener" wie auch "Pariser Fotos" herzustellen, war mit einem Schlag brotlos geworden.

Der über Jahrzehnte gewachsene Kundenstock kam mit einem Mal nur mehr angesichts skandinavischer Hochglanzprodukte. Bunt waren die, perfekt ausgeleuchtet, und die Modelle hatten auch keine Wimmerln mehr am Popsch. Und dennoch, ein Wiener begann antizyklisch zu sammeln, erwarb ganze Konvolute des abgewetzten Materials.

Die "Wiener Fotos", klärte Erwin Puls die Nachfolgegenerationen auf, unterschieden sich ja von den "Parisern" dadurch, "dass man den Schwanz in der Fut sah". Sie kamen explizit dort zur Sache, wo die "Pariser" Schleier drapierten. Und, legte Erwin Puls fest, pornografische Bilder sind, ebenso wie Musik, Kunst. Als Abfolge von Zeichen vermitteln beide nonverbale Nachrichten - für die es einen riesigen Markt gibt, womit wiederum jener Warencharakter belegt wäre, der sie als Kunst ausweist.

Und also hat Erwin Puls die ebenso verschämt wie massenhaft verbreiteten Bedeutungsträger seinem Nachdenken ausgesetzt - einer Lust, einem Wohlwollen; hat die Ästhetisierung der Sexualität als gesellschaftliche Notwendigkeit festgehalten; hat zu jedem der 393 Takte von Johann Strauß' An der schönen blauen Donau eine Seite lang Ästhetik abgehandelt; hat mit jeder Seite auf ein Pornofoto im Anhang verwiesen. Und wollte das Ganze dann nur ja nicht linear durchgelesen wissen, wollte sein Opus Magnum quer gelesen haben, im Dreivierteltakt hin- und hergeblättert. Wider alles Schulische, für ein Denken, das auf dem Zweifel fußt und nicht auf beliebigen Übereinkünften.

Erwin Puls hat Pornografie denkwürdig gemacht. Nach jahrelangem vergeblichem Suchen hat sich 1997 der Züricher Haffmans Verlag gefunden, sein Lebenswerk zu veröffentlichen: Das Mittel, nicht oder nur schwer darstellbare Bildereignisse dem Kunstliebhaber dadurch nahezubringen, dass er sie schildert, als sähe er sie außerhalb. Versuch einer teichoskopischen Vulgärästhetik.

Erwin Puls hat in den 60er-Jahren bei Joseph Beuys und seither in Wien gelebt. Tabuzonen, neben der Pornografie in frühen Aktionen immer wieder der Tod, hat er aus einer simplen Fragestellung heraus aufgesucht: Wo kämen wir hin, müsste man sich daran halten, auch nur irgendein Thema, eine Äußerung, einen Sachverhalt nicht als Kunst betrachten zu dürfen? Und das mit dem Walzer und der Pornografie ist nun ja in der Tat nicht weit hergeholt: "Da begreifet man Frauen und Jungfrauen mit unkeuschen Händen, man küsst einander mit hurischem Umfangen, und die Glieder, welche die Natur verborgen hat, entblößt oft Geilheit. Wo geschieht mehr Übermut, Trutz, Mord, Verachtung denn eben im Tanz? Tanzen ist eine Übung, nit vom Himmel kommen, sondern von dem Teufel erfunden . . ." ("Vom Tanzen" von Pfarrer Melchior Ambach, Frankfurt am Main 1545).

Erwin Puls erlag, wie erst jetzt bekannt wurde, am 2. Jänner, 63-jährig, in Wien einem Krebsleiden. (Markus Mittringer/DER STANDARD; Printausgabe 08.01.2003)