Wien - Die Tragweite der Meldung vermochte damals niemand wirklich abzuschätzen: Am Spätnachmittag des Stefanitages 1997 berichtete die Austria Presse Agentur, dass die New York Times (NYT) in ihrer Ausgabe vom 24. Dezember schwere Vorwürfe gegenüber dem Wiener Sammler Rudolf Leopold erhoben hatte. Zumindest vier Bilder seiner Egon-Schiele-Kollektion, die seit Anfang Oktober im Museum of Modern Art (MoMA) in einer beachtlichen Auswahl zu sehen war, hätten laut NYT eine "beunruhigende Vergangenheit", da sie ursprünglich im Eigentum von Menschen gewesen wären, die in der NS-Zeit hatten flüchten müssen.

Leopold, der zudem ob seiner Methoden bei der Jagd nach neuen Objekten und seinen Restaurationspraktiken kritisiert worden war, tat die Anschuldigungen als "Lügen von A bis Z" ab. Und er beteuerte, die beiden Gemälde, auf die zwei Familien Ansprüche anmeldeten, rechtmäßig erworben zu haben. Doch am 7. Jänner, just als alle 152 Leihgaben zurück nach Österreich transportiert werden sollten, ließ Robert Morgenthau, Staatsanwalt in New York, das Bildnis Wally und die Tote Stadt III beschlagnahmen, weil sie im Verdacht standen, "Diebsgut" zu sein.

In Wien setzte daraufhin eine hektisch betriebene Provenienzforschung ein. Und es wurde offensichtlich, dass Rita und Kathleen E. Reif keine Rechte auf das Gemälde Tote Stadt III geltend machen konnten, das der 1941 im KZ Dachau ums Leben gekommene Kabarettist Fritz Grünbaum besessen hatte. Denn sie waren nicht erbberechtigt. Das Bild wurde schließlich im September 1999 freigegeben.

Rechtmäßig erworben?

Weit komplizierter ist die Faktenlage bezüglich des Porträts: Die Wiener Galeristin Lea Bondi-Jaray verkaufte das Bildnis Wally 1939 dem "Ariseur" Friedrich Welz auf dessen Drängen und angesichts der anstehenden Emigration zu einem Spottpreis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von der US-Army falsch restituiert - an den Sohn von Heinrich Rieger, der es 1950 der Österreichischen Galerie verkaufte. Bondi-Jaray wollte das Gemälde zurückfordern und erbat sich die Unterstützung durch Leopold, wie der Sammler selbst erklärte. Doch dann, 1953, erwarb Leopold das Bildnis selbst im Tausch.

Die zentrale Frage, ob der Augenarzt das Werk rechtmäßig erworben hat (oder nicht), wurde von der Justiz aber bisher noch gar nicht erörtert: Die Zulässigkeit der Vorgangsweise, vom MoMA bestritten, bestimmte das Geschehen.

Im Mai 1998 hebt Richterin Laura E. Drager die Beschlagnahme auf, weil ein bestimmtes Gesetz Kunstwerke ausländischer Verleiher vor einer solchen schützt. Zwei Monate später bringt Morgenthau Berufung ein. Mit Erfolg. Nun beruft das MoMA. Ebenfalls erfolgreich: Im September 1999 wird die Beschlagnahme aufgehoben. Das US-Justizministerium kündigt daraufhin an, eine Voruntersuchung einzuleiten. Die Leopold-Stiftung beantragt, das Verfahren einzustellen. Am 19. Juli 2000 gibt Richter Michael B. Mukasey dem Antrag statt, da "die für eine Beschlagnahme erforderlichen Tatbestandsvoraussetzungen nicht erfüllt" seien. Ein halbes Jahr später entscheidet er aber, dass die US-Regierung eine neue Klage einbringen könne, wenn diese anders argumentiere. Und eine solche akzeptiert Mukasey schließlich am 12. April 2002.

Derzeit führe man, so Leopolds Anwalt Martin Eder (er ist auch der neue kaufmännische Direktor des Leopold Museums), eine Art "Privatverfahren unter der Aufsicht des Gerichts": Die beiden Parteien tauschen Beweise aus und stellen sich gegenseitig Fragen, die schriftlich beantwortet werden. Daher sei nach wie vor alles offen, sagt Christian Meyer, Mitglied des Stiftungsvorstandes. Und ein Ende der Causa zudem nicht absehbar. Denn es gebe zwei Instanzen, bei denen man gegen das Urteil berufen könne.

Aufgeben hingegen ist eine Variante, die für Rudolf Leopold nicht infrage kommt. Schließlich investierte die Stiftung, die einst eine außergerichtliche Einigung abgelehnt hatte, bisher über eine Million Euro in den Rechtsstreit. Meyer rechnet damit, dass sich der Kampf um die Wally mit bis zu zwei Millionen Euro zu Buche schlagen könnte. Egal, wie er einmal ausgegangen sein wird. (Thomas Trenkler/DER STANDARD; Printausgabe 08.01.2003)