Grafik: Der Standard

"Ich bin als Bürgermeister geflogen, ich bin als Regierungschef geflogen, ich fliege auch als Präsident." So fasst der Überraschungssieger der litauischen Präsidentschaftswahlen politische Karriere und private Leidenschaft zusammen.

Rolandas Paksas (46), der den 30 Jahre älteren Amtsinhaber Valdas Adamkus entgegen allen Prognosen klar mit 55 zu 45 Prozent schlug, gehört zu jenem Politikertypus, der das Establishment herausfordert, in dem er groß geworden ist. Seinen Kritikern drängen sich Vergleiche mit Le Pen, Haider oder Möllemann auf. Aktionismus und Populismus werfen sie ihm vor. Der nähere Blick ergibt ein differenzierteres Bild.

Aktionismus: Im Wahlkampf unterflog der ausgebildete Fluglehrer und zweimalige Kunstflugmeister der Sowjetunion eine Brücke der Hauptstadt Vilnius. Dort hatte er 1997 seine politische Laufbahn als Bürgermeister begonnen. Die gelungene Renovierung des historischen Stadtkerns wird auch von Paksas' Gegnern als beachtliche Leistung anerkannt. Einschlägige Erfahrung brachte Paksas als Inhaber einer Baufirma mit.

Populismus: Inhaltlich setzte der zweimalige frühere Regierungschef im Wahlkampf ganz auf die "kleinen Leute". Er versprach Kampf gegen Korruption und Kriminalität und bessere Sozialleistungen. Dass die Verfassung dem Präsidenten dafür keine Handhabe gibt, ließ viele Wähler unberührt. Und dass er, wiewohl klarer Befürworter des Beitritts zu EU und Nato, das Verhandlungsergebnis mit Brüssel kritisierte, dürfte Paksas zusätzliche Sympathien gebracht haben. Er versprach, was viele hören wollten - auch wenn es kaum erreichbar ist: bei der EU mehr für Litauens Bauern und einen Ersatz für das Risiko-AKW Ignalina herauszuschinden.

Als Premier scheiterte Paksas zweimal, hauptsächlich wegen Koalitionsreibereien. Persönlich hat ihm das nicht geschadet. Eher im Gegenteil. Denn das erste Mal war er aus Protest gegen den Verkauf der nationalen Ölraffinerie an den US-Konzern Williams zurück- getreten. Den hatte seine damalige konservative Partei mit Billigung des einstigen US-Emigranten Adamkus betrieben. Später wechselte Paksas zu den Liberalen und gründete dann seine eigene Partei, die Liberaldemokraten.

Inzwischen kann Paksas - er ist mit einer Wirtschaftsingenieurin verheiratet und hat eine Tochter (19) und einen Sohn (9) - seine einstigen Bedenken bestätigt sehen: Williams verkaufte seinen Anteil an Russland weiter. Litauen hat bei dem Deal viel Geld verloren. Dass es mit seinem neuen Präsidenten gewinnen wird, glauben freilich auch nur 28,6 Prozent der Stimmbürger. Exakt so viele haben - bei einer Beteiligung von 52 Prozent - für den tollkühnen Unter- und Überflieger votiert.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2003)