Zwei Seiten der Luther-Bibel im Taschen-Verlag

Foto: Taschen-Verlag

Wien - Dass das Zeitalter digitaler Vervielfältigung im Buchgewerbe nicht unbedingt nur lieblose Meterware zeitigt, beweist immer wieder der bibliophile Taschen Verlag. Die jüngste Glanztat, mit der er seit einigen Wochen zum Lesen und Staunen verführt, ist aber ein ganz besonderes Ereignis: Aus dem Jahr 1534 stammt jene kolorierte Luther-Bibel, die der Kulturhistoriker Stephan Füssel in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek von Weimar gesichtet hat und nun mit einem kompletten, prächtigen Nachdruck tatsächlich wieder zu öffentlichem Gut, einem Buch für die Privatbibliothek machte.

Allein die fototechnische Qualität dieses in zwei kolossalen Bänden über 1800 Seiten umfassenden Reprints verdient ausführliche Würdigung: Martin Luthers epochale Übersetzung des "Buchs der Bücher", die im Gefolge der Erfindung des Buchdrucks zum ersten Bestseller wurde - sie kann sich auf diesen vergilbten Seiten in all ihrem Reichtum so richtig entfalten.

Kein sprödes Dünndruck-Bändchen für Nachtkästchen-Schubladen frommer Leute liegt hier also vor, sondern ein wucherndes Gebilde aus Schrift, Sprache und Holzschnitten aus der Werkstatt von Lukas Cranach, mit dem man zum Beispiel auch Kindern und Jugendlichen die sinnliche Erfahrbarkeit von Geschichte(n) nahe bringen kann: Und damit die Vorstellung, so ein Kunstwerk tatsächlich auch in die Hände weniger feierlich gestimmter Leser geben zu können, für Sammlernaturen nicht zu fürchterlich anmutet, hat diese Luther-Bibel auch noch einen äußerst christlichen Preis. 99 Euro 90 Cent!

Wer jetzt genauer darüber informiert werden will, dass sich diese Anschaffung tatsächlich lohnt, kann dies morgen, Freitag, um 18.30 Uhr im Wiener Kunsthistorischen Museum tun: Dort wird das "Meisterwerk der deutschen Prosa" (Nietzsche) vom Herausgeber präsentiert. Höchste Empfehlung! (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)