Paris - In Paris ist ein spektakulärer Fluchtplan von sechs ETA-Häftlingen aus dem berühmten Sante-Gefängnis vereitelt worden. Wie ein Gewerkschaftsvertreter der Haftanstalt am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP sagte, sollten die Mitglieder der baskischen Untergrundorganisation mit Sprengstoff befreit werden. Sie wurden demnach in andere Gefängnisse in der franzöischen Hauptstadtregion verlegt und sitzen derzeit in Einzelhaft. Wie zudem aus Justizkreisen bekannt wurde, spähte ein anderes ETA-Kommando eine französische Anti-Terror-Richterin aus.

Den Angaben zufolge wurde ein Dokument beschlagnahmt, das auf Spanisch aufzeichnete, wo und wie für den Ausbruch Sprengsätze in der Vollzugsanstalt anzubringen seien. Sämtliche Zellen der Häftlinge wurden durchsucht, ohne dass sich Sprengsätze oder Zünder fanden. Bisher gebe es keinen Hinweis darauf, dass der Plan fortgeschritten sei, hieß es. Unter den betreffenden Häftlingen sind der mutmaßliche frühere Logistikchef der Organisation, Asier Oyarzabal Chapartegui alias "Baltza", sowie zwei weitere als führende ETA-Mitglieder angesehene Sante-Insassen.

Mit 40 Kilo Sprengstoff in die Freiheit

Das teils im Stile eines Comics gehaltene Flucht-Dokument mit dem Datum 13. Dezember wurde demnach am vergangenen Donnerstag entdeckt. Es sah nach Angaben des Gewerkschafters unter anderem vor, Sprengstoff in den im Gefängnis gebräuchlichen Orangensaft-Verpackungen zu verstecken. Nach und nach sollten zunächst Gitter zum Gefängnishof und eine Innenmauer gesprengt werden. Mit Hilfe von Komplizen außerhalb des Sante-Gefängnisses und 40 Kilo Sprengstoff sollte zudem eine Außenmauer in die Luft gejagt werden.

Wie es in Pariser Justizkreisen hieß, fanden Ermittler zudem nach der Zerschlagung eines ETA-Kommandos im Südwesten Frankreichs geheime Aufzeichnungen über die Aufenthaltsorte von Anti-Terror-Richterin Laurence Le Vert. Mit den Informationen sollte Le Vert offenbar eingeschüchtert werden; ein Mordanschlag auf die Richterin sei aber wohl nicht geplant gewesen, hieß es zu entsprechenden Informationen des französischen Nachrichtensenders LCI.

LCI hatte unter Berufung auf die Späh-Aufzeichungen über einen angeblichen Mordplan der ETA gegen Le Vert berichtet. Die Dokumente seien in einem enttarnten Versteck von ETA-Militärchef Ibon Fernandez Iradi entdeckt worden. Iradi (Deckname "Susper") war im Dezember bei einer Routinekontrolle in Südwestfrankreich festgenommen worden. Er konnte nach nur wenigen Tagen Untersuchungshaft in der Nacht zum 22. Dezember aus dem Gefängnis von Bayonne fliehen, nur Stunden vor seiner geplanten Verlegung nach Paris. Daraufhin wurden fünf Polizisten vom Dienst suspendiert. (APA)