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Nichts geht mehr in Vegas

Foto: APA/dpa/Hanschke

Guggenheim in der Krise: Der Plan, ein riesiges Museum in Downtown New York zu bauen, wird nicht realisiert. Das Budget 2003 wurde radikal gekürzt. Und die Ausstellung in Las Vegas - mit Werken aus dem Kunsthistorischen Museum - floppt: Sie wurde vor der Zeit geschlossen.


New York/Wien - Der Entschluss des Guggenheim Museums, von der Errichtung eines gigantischen Museums in der Nähe des ehemaligen World Trade Centers abzusehen, bewegte sogar die New York Times (NYT) zu einem wohlwollenden Editorial: Abgesehen von einer Einbuße an Stolz sei diese Entscheidung "ganz einfach das Richtige".

Das geplante Museum, als dessen Architekt Frank Gehry vorgesehen war, hätte an der East Side von Manhattan, südlich der Brooklyn Bridge, erbaut werden sollen. Die Kosten für das 122 Meter hohe Museum mit einer Gesamtfläche von mehr als 53.000 Quadratmetern (18.000 für Ausstellungen), das viermal so groß wie das von Frank Lloyd Wright erbaute Guggenheim-Hauptgebäude an der Fifth Avenue sein sollte, wurden auf knapp eine Milliarde Dollar geschätzt. Sogar Thomas Krens, Direktor des Guggenheim Museums, gab zu, dass die Pläne zu einem Zeitpunkt, da überall eingespart werden müsse, unrealistisch seien.

Architekturfreunde, die ein Modell des Museums - von NYT-Kritiker Herbert Muschamps als "Eisbrecher eines Designs, ein Plan, der durch starre Straßenlandschaften und eingefrorene Einstellungen bricht" bezeichnet - bewundern konnten, sind über die Entscheidung nicht gerade erfreut. Realisten hingegen, denen die prekäre Lage des Guggenheim-Konzerns (vom Kunstkritiker der Village Voice, Jerry Saltz, auch als "GuggEnron" bezeichnet) bekannt ist, atmen erleichtert auf. Der Entscheidung war ein Machtkampf zwischen dem Vorsitzenden der Guggenheim Museums, dem Millionär Peter B. Lewis, und Thomas Krens vorangegangen. Lewis hatte Krens eine dringend nötige Finanzspritze von zwölf Millionen Dollar versprochen, allerdings unter strikten Bedingungen: entweder drastische Sparmaßnahmen im neuen Budget - oder die drohende Kündigung.

Reserven aufgebraucht

"Um Träume zu verfolgen, hat Guggenheim zuerst die Reserven von gestern aufgebraucht und dann den Optimismus von morgen eingesetzt", erklärte Lewis sein Ultimatum. Krens gab nach - und das Budget für 2003 wurde auf 24 Millionen Dollar gekürzt, etwa die Hälfte des Budgets für das Jahr 1999; die Zahl der Angestellten hatte sich bereits im vergangenen Jahr von einem Höchststand von 391 auf nur 181 Mitarbeiter verringert. Lewis, der dem Museum seit 1998 vorsteht, gestand eine Mitschuld ein: "Hier herrschten fürchterlicher Zustände, die während meiner Zeit noch schlimmer wurden, und dafür sollte ich mich eigentlich schämen."

Am 5. Jänner diesen Jahres schloss auch eines der ambitioniertesten Krens-Projekte seine Tore: Das erst vor 15 Monaten eröffnete und von Rem Kohlhaas erbaute Guggenheim Las Vegas, das im Venetian Resort Hotel Casino, einer getreuen Nachbildung Venedigs in der Wüste von Nevada, untergebracht war. Offiziell heißt es zwar, dass das Museum nur so lange geschlossen sei, bis Sponsoren für eine neue Ausstellung gefunden werden können. In Kunstkreisen wird allerdings angenommen, dass es sich um das endgültige Aus für Guggenheim Las Vegas handelt.

Dieses Gerücht ist nicht ganz unbegründet. Denn das Museum wurde geschlossen, obwohl die Ausstellung Art Through the Ages. From Tizian to Picasso noch bis 2. März hätte laufen sollen. Sie ist eine Kooperation mit der Eremitage St. Petersburg und dem Kunst-historischen Museum Wien: Jedes der drei Institute steuerte zwölf Meisterwerke bei, das KHM u. a. Werke von Dürer, Rembrandt und Rubens.

Zukunft ungewiss

Die Einnahmen hätten nach Abzug der Unkosten gedrittelt werden sollen. Doch KHM-Prokurist Franz Pichorner macht sich keine großen Hoffnungen mehr. Denn statt der erwarteten 4000 Besucher täglich kamen nur deren 800 bis 1000. Über den Abbruch vor der Zeit sei das Kunsthistorische nicht informiert worden, sagt Pichorner. Gespannt sehen daher er und Generaldirektor Wilfried Seipel dem nächsten Treffen mit Krens entgegen, das Mitte Jänner in Berlin stattfinden wird.

Was die Zukunft des Guggenheim-Imperiums betrifft, ist man zumindest in New York nicht allzu zuversichtlich. Es gibt zwar noch immer die Stützpunkte in Venedig, Berlin und Bilbao, aber einstweilen sind weitere Pläne, etwa ein Guggenheim in Rio de Janeiro, auf Eis gelegt.

Andererseits kann sich nahezu niemand ein Guggenheim ohne Krens vorstellen - was durchaus seiner Absicht entspricht: Unter seiner seit Juli 1988 anhaltenden Ägide gelang es keinem seiner Kuratoren, sich an der Seite des charismatischen und nahezu überdimensionalen Direktors - Krens misst 196 Zentimeter - zu profilieren.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)