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Im Fernsehen bezeichnet Staatschef Hugo Chávez Journalisten als "Lügner". Die privaten Medien fahren aggressive Kampagnen für die Opposition.

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"Journalisten, Mörder! Journalisten, Terroristen!", skandieren mehrere Hundert Anhänger von Präsident Hugo Chávez. Jeder streckt seine geballte Faust zum Dach eines Hauses empor, auf dem sich Journalisten mit Kameras positioniert haben, um die Demonstration in der venezolanischen Hauptstadt zu filmen. Steine fliegen in Richtung der Medienvertreter. "Traut euch doch runter, ihr Feiglinge!", rufen Demonstranten. Sie geben den Journalisten Mitschuld an der Radikalisierung.

Bei Straßenschlachten zwischen Chávez-Sympathisanten und -gegnern sind vergangenes Wochenende zwei Regierungsanhänger getötet worden, am 6. Dezember drei Chávez-Gegner. "Ich hätte nie gedacht, dass wir Journalisten einmal Zielscheibe werden", sagt Cenovia Casas, die als Reporterin für "El Nacional" - neben "El Universal" die wichtigste Zeitung Venezuelas - arbeitet. Schusssichere Westen und Tränengasmasken gehören zur Standardausrüstung von Journalisten, die sich außerhalb des Redaktionsgebäudes bewegen.

Der Redaktionssitz von "Universal", der an einer belebten Hauptstraße im Zentrum steht, gleicht einer Festung. Ein zwei Meter hoher Metallzaun ist um das Gebäude errichtet worden. In das Haus gelangt man nur durch ein streng bewachtes kleines Türchen im Untergeschoß, das in einen Rollladen eingeschnitten wurde. Nachdem das Redaktionsgebäude beim Umsturzversuch im April von bewaffneten Regierungsanhängern belagert wurde, wurden schusssichere Fensterscheiben eingebaut.


200 angegriffen

Der Beauftragte der UNO für Medien, Ambeyi Ligabo, hat die venezolanische Regierung vergangene Woche aufgefordert, Aggressionen gegen Journalisten zu untersuchen, Maßnahmen zu treffen und Pressefreiheit zu sichern. Nach Angaben der Mediengewerkschaft wurden 2002 zweihundert Journalisten von 29 Medien angegriffen. Präsident Chávez hat in seiner jüngsten Fernsehansprache an die Nation am Sonntag erneut Journalisten als "Landesverräter" und "Lügner" beschimpft. Ausgenommen sind für ihn nur die Mitarbeiter des staatlichen venezolanischen Fernsehens.

Einseitige Berichterstattung

Die privaten Medien - Zeitungen, Radio und Fernsehen - unterstützen die Opposition. Die Berichterstattung ist vor allem in den privaten TV-Kanälen einseitig. Wegen des Generalstreiks gibt es keine Werbung. Dafür flimmern alle paar Minuten fantasievoll gestaltete Spots mit der Aufforderung, an den Demonstrationen der Opposition teilzunehmen, über die Bildschirme. Chávez wird dabei lächerlich gemacht, Zensur findet somit nicht direkt statt.

"In Venezuela gibt es Pressefreiheit in dem Sinne, dass man alles senden und sagen kann. Aber die andere Sache ist, welche Konsequenzen das hat", beschreibt Rosario Orellana, Besitzerin von Radio Melodia Stereo, die Lage.

In der Nacht zum Mittwoch wurde ein venezolanischer TV-Journalist am Kopf verletzt. Mehrere Kameras wurden demoliert. Wegen der aufgeheizten Stimmung tragen auch ausländische Journalisten wie jene von Reuters oder "Miami Herald" schusssichere Westen. Für den aus Portugal stammenden Medienexperten Vicente Gamma sind die Medien in Venezuela schlicht "außer Kontrolle geraten". (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)