Graz - Die zahlreichen Großbaustellen, die in den vergangenen Jahren nötig waren, um Graz für das Kulturhauptstadtjahr heraus zu putzen, waren nicht nur Teil der Erneuerung des Stadbildes. Sie haben auch überraschend viel über die Vergangenheit von Graz zu Tage gefördert.

Frühe Siedlung

So wurden etwa durch den Umbau des Karmeliterplatzes am Fuße des Schlossberges eine prähistorische Siedlung von Holzhäusern und ein Urnenfriedhof entdeckt. Die verantwortlichen Archäologen sind mehr als zufrieden, denn erst durch diese Grabungen im vergangenen November weiß man, dass die Innenstadt bereits im dritten und vierten Jahrtausend v. Chr. besiedelt war. Urnen, Tafelgeschirr, Münzen und andere Alltagsgegenstände werden nun bis 14. März im Steirischen Landesarchiv direkt am Karmeliterplatz in der Ausstellung "Graz in Funden" präsentiert.

Überraschungen hatte auch der Hauptplatz nur etwa 20 Zentimeter unter seiner Oberfläche versteckt. Auf Grund schriftlicher Quellen galt der Platz, der bis Ende 2002 neu gestaltet wurde, seit dem 12. Jahrhundert als unverbautes "forum". Doch das Grabungsteam der Archäologin Ulla Steinklauber - das von Oktober 2001 bis Juni 2002 eine Fläche von rund 900 Quadratmetern untersuchte - stieß schon nach oberflächlichen Grabungen auf Holzbauten, dazugehörige Gruben und Lehmöfen aus dem 12. Jahrhundert. Darunter fand man Keramik aus dem 11. Jahrhundert. Die archäologischen Untersuchungen verzögerten den Umbau des Platzes jedoch um keinen Tag. Die Mauerreste wurden dokumentiert und - zum Bedauern vom Ausstellungsleiter und Archäologen des Bundesdenkmalamtes Bernhard Hebert - wieder zugeschüttet. "Vielleicht haben ja unsere Enkeln in 100 Jahren Lust, das wieder aufzureißen", meint Hebert versöhnlich.

Eine andere Lösung fand man vor zehn Jahren bei der Renovierung des "Reinerhofes", der lange für das älteste Gebäude der Stadt gehalten wurde. Im Haus, dessen älteste erhaltene Bauteile aus dem 12. Jahrhundert stammen, fand man eine mittelalterliche Zisterne, die heute unter einer Glasplatte im gleichnamigen Café sichtbar ist.

Stadterweiterung

Mit der Fertigstellung des Grazer Kunsthauses, das als "Blue Bubble" für Aufsehen sorgt, wird das rechte endgültig an das linke Murufer und damit an die Innenstadt angebunden. Für Hebert ist das ein Prozess, der laut Funden in der Kunsthaus-Baugrube im 18. Jahrhundert begonnen hat. Bis dahin war jene Seite der Mur noch naturbelassenes Grünland: "Erst im Barock wurde das rechte Murufer aufgeschüttet - als kleine Stadterweiterung, wenn Sie so wollen." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 1. 2003)