Drei Monate war Jürgen W. Möllemann krank, jetzt schwört er wieder. Zumindest legte der FDP-Spitzenpolitiker vor Gericht eine eidesstattliche Erklärung ab, wonach er im vergangenen deutschen Wahlkampf ein unsägliches Flugblatt mit antisemitischem Einschlag aus eigener Tasche finanziert haben will. Mit dieser 840.000 Euro teuren Flugblattaktion - ein Möllemann schöpft auch privat aus dem Vollen - versenkte er die Liberalen bei den Wahlen praktisch im Alleingang und musste als stellvertretender Bundesvorsitzender und als Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen zurücktreten. Dennoch behielt er damals seine Abgeordnetenmandate in Bundes- und Landtag, die der frohgemute Fallschirmspringer nun wieder wahrnehmen will.

Möllemanns Comeback wird jetzt von vielen in der FDP, die nun bei fünf Prozent herumdümpelt, sogar herbeigesehnt. Ihm wird im Gegensatz zu Parteichef Guido Westerwelle ausreichend Führungsstärke attestiert, um die Liberalen aus dem Jammertal zu leiten, in das sie nach der Schlappe bei den Bundestagswahlen geraten sind. Dass Möllemann für die Niederlage mitverantwortlich war, man nun also den Bock zum Gärtner macht, scheint ebenso bedeutungslos zu sein wie die Zahl der Fettnäpfe, in die Möllemann in der Vergangenheit getreten ist. Ganz zu schweigen von den derzeit laufenden Ermittlungen wegen Untreue, Betrug und Steuerhinterziehung gegen ihn.

Möllemann spitzt auf die Protestwähler, die in Zeiten von Reformstau und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zunehmen, und wandelt damit trittsicher auf den Spuren von Jörg Haider. Beide verbindet, dass sie ungeachtet eigener vorheriger Aussagen stets Wandlungsfähigkeit bewiesen, Populismus auf ihre Banner schrieben, inhaltlich wenig leisteten und damit einige Zeit Erfolge verbuchen konnten. Zu ernst zu nehmender Politik ist Jürgen Möllemann aber ebenso unfähig wie Jörg Haider. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)