In Sibirien war es, irgendwo bei Omsk und auf dem Weg nach Moskau, da packte den "Geliebten Führer" der Zorn angesichts des eingelegten Gemüses, das ihm bei der Ankunft an einem Bahnhof offeriert wurde. "Schäbig" die Gurken und nicht nach russischer Art mariniert, entrüstete sich Nordkoreas Führer.

"Kim Jong-il kann ein Gourmet genannt werden", notierte ein russischer Begleiter im Sommer 2001, als der 60-Jährige mit der Flugphobie zum Staatsbesuch nach Moskau rollte und die tagelange Zugfahrt mit mehrstündigen Gelagen bei Wein, Weib und Gesang verkürzte. Westliche Politiker und Nordkoreas Nachbarn in Ostasien nennen Kim anders: einen komplexbeladenen Exzentriker und unberechenbaren Despoten.

Dass Kim Jong-il die internationale Nahrungshilfe in den Neunzigerjahren für Parteifunktionäre und Militär abzweigte und wenigstens zwei Millionen seiner Landsleute dem Hungertod überließ, hat ihm die Verachtung durch US-Präsident Bush eingebracht. Dass er 1998 eine Mittelstreckenrakete über Japan feuern ließ und nun wieder die Produktion von Atomwaffen anfahren will, stärkte das Unbehagen in der Region am Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK).

Die DVRK ist ein Ein-Mann-Betrieb: Kim Jong-il fungiert als Generalsekretär der kommunistischen Koreanischen Arbeiterpartei. Er ist seit dem Tod seines Vaters Kim Il-sung 1994 und O Jin-u, des bis dahin höchsten Militärs im Staat, das einzige Mitglied im Präsidium des Politbüros. Er ist auch Oberbefehlshaber der koreanischen Armee im Range eines Marschalls und Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission. Ganz reibungslos ist die Übernahme aller Schlüsselpositionen aber nicht vonstatten gegangen.

Drei Jahre dauerte es, bis Kim Jong-il nach dem Tod seines Vaters das Amt des Generalsekretärs übernehmen konnte. Widerstand gegen den Erben, der als persönlicher Sekretär des Vaters nach dem Studium an der Kim-Il-sung-Universität von Pjöngjang begann, kommt bis heute aus den Reihen des Militärs, glauben Korea-Experten, die Kommuniqués und die wenigen bekannt werdenden Personalentscheidungen zu entschlüsseln versuchen. Aus erster Ehe hat Kim einen Sohn. Die Mutter, die Schauspielerin Sung Hye Lim, setzte sich in den Westen ab.

Kim begreife, dass sein Land Wirtschaftsreformen brauche, erklärte der bisher ranghöchste Dissident des Regimes, der Exchefideologe Hwang Jang Yop. Doch er habe Angst, seine Macht zu verlieren, und sei nur zu Teilreformen bereit. Ob Kim Jong-il ein "ehrlicher Mann" sei, wollte George W. Bush von Chinas Staatschef Jiang Zemin wissen, als dieser vergangenen Herbst zu Gast auf der Farm des US-Präsidenten weilte. "Offen gesagt, ich weiß es nicht", meinte Jiang. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)