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Ärztepräsident Walter Dorner: Selbstbehalte für alle nur ohne Krankenscheingebühr

Foto: APA/Apostel

Selbstbehalte für alle? Nur ohne Krankenscheingebühr, sagt Wiens Ärztepräsident Walter Dorner im Gespräch mit Martina Salomon.

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STANDARD: Ist es gerecht, dass Eisenbahner einen Selbstbehalt beim Arzt zahlen müssen, ASVG-Versicherte aber nicht?

Dorner: Das kann man so nicht sagen. Alle haben Selbstbehalte: Nehmen Sie Krankenschein-, Rezeptgebühr und höhere Heilmittelbehelfszahlungen der ASVG-Versicherten. Experten meinen sogar, dass die verschiedenen Gruppen unterm Strich auf eine ähnliche Höhe der Selbstbehalte kommen.

STANDARD: Wäre es dann nicht einfacher, einen einheitlichen Selbstbehalt zu verlangen?

Dorner: Viel gescheiter wäre, die Versicherungsbeiträge um vier bis sechs Euro anzuheben und die Höchstbeitragsgrundlage zu erhöhen. Die Versicherten wären dazu bereit, wie unsere Umfragen ergeben haben.

STANDARD: Und die Vereinheitlichung?

Dorner: Es wäre durchaus sinnvoll zu sagen: Alle zahlen gleich viel, jedoch mit einer Obergrenze. Dann muss aber auch die Krankenscheingebühr weg. Mit der E-Card wäre eine Einzelabrechnung machbar. Die soziale Krankenversicherung könnte jedem Patienten monatlich seine Gesundheitskosten auflisten. Vorher muss die Politik allerdings endlich einmal festlegen, welchen Standard wir im Gesundheitswesen brauchen und was der kostet.

STANDARD: Die Sozialversicherung möchte, dass Ärzte nur mehr Wirkstoffe verschreiben und der Apotheker das billigste Medikament aussucht.

Dorner: Das ist politische Ideenlosigkeit und würde lediglich den Druck der Patienten auf Apotheker und Hauptverband verlagern.

STANDARD: Was halten Sie von einem - in Deutschland diskutierten - Bonus, wenn man ein ganzes Jahr keinen Arzt in Anspruch nimmt?

Dorner: Ich weiß nicht, ob das sinnvoll ist. Bei den Bauern gab es etwas Ähnliches. Die haben dann gezögert, zum Arzt zu gehen. Manche Gesundheitsökonomen loben ja auch das holländische System (das ohne Arztpraxen auskommt und alles im Spital konzentriert, Anm.). Aber im Musterland Holland gibt es bereits endlose Wartezeiten für Patienten im Spital.

STANDARD: Der Rechnungshof kritisiert, dass Österreich zu viele Krankenhäuser hat.

Dorner: Stellen Sie sich vor, jemand würde fordern, die Hälfte aller großen Billa- und Interspar-Filialen zuzusperren, damit in Grammatneusiedl wieder ein Greißler aufmachen kann - das spielt's heute nicht mehr. Schauen Sie, was in Wien los war, als Stadträtin Pittermann nur die orthopädische Abteilung von Gersthof ins Elisabeth-Spital transferieren wollte!

STANDARD: Aber ist das nicht absurd? Muss es nicht eine bessere Spitalsplanung geben?

Dorner: Natürlich liegt die Zukunft in Kompetenzzentren. Aber dafür braucht man Geld.

STANDARD: Durch die Schließung mittelmäßiger Spitäler würde Geld frei.

Dorner: Das könnte durchaus sein.

STANDARD: Sozialversicherungschef Kandlhofer kritisiert die zu hohe Ärztedichte in Wien.

Dorner: Ballungszentren wie Wien haben eine Sogwirkung auf das Umland und brauchen daher mehr Spitzenversorgung.

STANDARD: Kandlhofer hat auch gemeint, dass nur knappe Ressourcen Reformen erzwingen.

Dorner: Heuer werden alle Kassen ins Minus kommen. Ich glaube, die Verantwortlichen dürfen sich nicht zu lange spielen, sonst stehen sie vor einem Trümmerfeld. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)