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Foto: APA/dpa/ Patrick Seeger

Bregenz - Die Menschen der Bodensee-Region haben keine einheitliche Wertewelt. Aber das macht sie einander nicht ähnlicher. Das ergab eine Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts, die Dienstagabend in Bregenz präsentiert wurde.

Am Bodensee leben die "schaffiga Lüt", die Fleißigen und Sparsamen, die Konservativen und Treuen, so will es das Klischee von der "alemannischen Mentalität". Der Soziologe Hermann Denz ging den Vorurteilen auf den Grund und erwanderte die Wertelandschaft am deutschen und Vorarlberger Ufer; die Schweizer hatten sich der Erforschung verweigert.

Lässige Schwaben

Nach dem tiefen Blick in die Seele der Region fragt sich der Soziologe verwirrt: "Wohnen doch eher die Phäaken am Bodensee?" Denn vor allem im deutschen Teil der Region, bei den Bayern und auch bei den smarten Schwaben, habe man Genuss und Sorglosigkeit entdeckt. Nur 38,8 Prozent halten dort die Arbeit für wichtig. In Vorarlberg hingegen ist die Arbeit noch des Lebens Elixier. Zumindest für 66 Prozent der Befragten. Was die Vorarlberger noch von ihren deutschen Nachbarn unterscheidet: Sie haben hohe Ansprüche an die Arbeit und sind mit der realen Arbeitswelt nur bedingt zufrieden (56 Prozent zu 66 Prozent in Deutschland).

Dieses Teilergebnis ist Beispiel für das Gesamtergebnis der Studie: Die Bodensee-Region ist keine kulturelle Einheit. Deren Bewohner unterscheiden sich in ihren Werten zwar auch innerhalb der eigenen Länder, viel stärker ist jedoch die Unterscheidung zum Nachbarn jenseits der Grenze.

Die Wertewelt der Region ergründete Denz im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Instituts, das seit knapp einem Jahr auch in Vorarlberg aktiv ist. "Grenzen und Räume" lautet der regionale Arbeitsschwerpunkt des Instituts. Gegenstand der Forschung ist die Bevölkerung der vier Staaten oder neun Kantone und Länder, jene knapp 2,3 Millionen Menschen der "Region" Bodensee. Auf Basis der empirischen Daten der "Europäischen Wertestudie" (104.000 Befragte) suchte der Vorarlberger Soziologe nach Gemeinsamkeiten in der Bodenseeregion. Die, schmunzelt Denz, "ein einheitlicher kultureller Raum war", damals vor 2000 Jahren, als die Römer die Völkchen am See verwalteten.

Gemeinsam ist den Menschen am Bodensee die Orientierung an Familie und Eigenheim. Die Ehe ist ihnen aber nicht mehr wichtig. Heiratet man dennoch, dann ist man treu und hält am traditionellen Rollenverständnis fest. In Vorarlberg intensiver als in Deutschland. "Kinder brauchen beide Eltern" meinen 89 Prozent in Vorarlberg, 86 Prozent der deutschen Nachbarn. Gute Manieren und Sparsamkeit sind die wichtigsten Erziehungswerte.

Sündige Vorarlberger

Religion hat einen hohen Stellenwert. Denz zu den feinen Unterschieden: "Vorarlberg glaubt am meisten an Gott, das Leben nach dem Tod und die Sünde, die Bayern an die Hölle und die Bodenseeregion an den Himmel."

An konservative Parteien glauben in der Region noch knapp 28 Prozent (die meisten in Bayern), an die eigene politische Kraft immer mehr. Über 66 Prozent der Befragten hat Protesterfahrung. Die politische Moral hingegen sei in der ganzen Region gesunken, stellte Denz fest. So halten nur noch 56 Prozent Steuerhinterziehung für unzulässig. (jub, DER STANDARD Printausgabe 9.1.2003)

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